Lieber R.,

Erinnerst Du Dich noch an SARS? Da waren wir beim “Bund”, und unsere Kollegin Y. fand die Epidemie, die ja dann eigentlich keine war, ungemein faszinierend. Ich nicht. Aber mit dem Coronavirus ist es anders. Nicht, dass es mir nahe ginge, aber der Umgang mit dem Phänomen in der Schweiz ist ein starkes Stück. Ich habe eine klammheimliche Furcht, weil ich eine klammheimliche Furcht habe, dass da viel guter Eigensinn abgetötet wird und zu viel quasi polizeiliche Befehlsgewalt hängen bleibt,  wenn das Virus längst auf dem Stapel “besiegte Krankheiten” abgelegt ist.

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Aber das Beste zuerst: Die unselige Dreifachküsserei beim Begrüssen ist weg, auch die sowjetartigen Umarmungen – beides aus dem schweizerischen Comment gestrichen wie der Handschlag. Danke, Coronavirus! Sogar der Ellbogenmupf und die Ghetto Fist werden tabu, weil innerhalb des 2-Meter-Sicherheitsradius, wie soeben beim Arztbesuch zu erfahren war.

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Gut.

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Als Bub in den fünfziger Jahren gab es “die Grippe”, ein topos der Grossen, in Gesprächsfetzen aufgeschnappt, wenn es um noch viel ältere Verwandte ging, die zu den Opfern der Pandemie am Ende des “ehnderen Kriegs” geworden waren. “Är isch ar grippe gschtorbe”. Wir hatten manchmal auch Grippe, und es war schwer vorstellbar, dass jemand daran sterben konnte. Grippe hiess vor allem schulfrei. Die Regel war “ein Tag fieberfrei im Bett”.

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Die Sache mit dem Coronavirus ist ähnlich ungreifbar. Es gibt keine Bilder von grossen Sälen voller Kranker, keine Nachrichten von überforderten Spitälern. Nur Warnungen, Szenarien, Einschätzungen, Versicherungen. Und Massnahmen, die immer strikter werden ohne den Kern des Alltags wirklich anzutasten. Und Nachrichten von noch strikteren Massnahmen, welche das Leben in den abgeschotteten Gegenden lahmlegen.

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Das reale Risiko in diesem Virenbefall – der Tod – scheint vergleichsweise klein. Es ist nicht Ebola oder die Pest. Wir haben es nicht mit einem Atomunfall zu tun, etwa in Mühleberg oder Gösgen. Die behördlichen Massnahmen sind als Absicherung gegen einen eventuellen Kollaps des Gesundheitssystems zu verstehen, und als Schutz der Volkswirtschaft. Beides ist einsichtig, und es gibt keine veröffentlichte Meinung, die die Behörden gross kritisiert. Im Gegenteil. Die dezidierten Verordnungen der “Führungsorgane” treffen rundum auf Respekt und Respektierung. Man muss an die Stammtische der Wirtshäuser sitzen, um differenziertere Anschauungen oder gar Kritik zu vernehmen. Interessanterweise treten hier sehr alte Unterschiede in den politischen Kulturen der Eidgenossenschaft auf. Zum Beispiel beim Fasnachtsverbot. In Bern wurden alle Erlasse buchstabengetreu befolgt, in Basel waren am Morgenstreich Rebellen auf der Gasse. Das hat damit zu tun, dass die Berner der Regierung eher folgen als andere, und dass die Fasnacht in Basel wahrhaftig ein anarchischer Brauch ist und in Bern eine “Veranstaltung”.

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Bei allem Verständnis für die Sorge zur Volksgesundheit: Die staatlichen Erlasse und “Empfehlungen” sind auch eine gigantische Zivilschutzübung. Die Regierung – respektive die Regierungen, Krisenstäbe, Leitungsgremien, Informationsbataillone – ergreifen die Gelegenheit zum grossen Manöver. Jetzt lässt sich testen, wie das Volk sich in einem “Ernstfall” fügt – auch wenn der Ernstfall möglicherweise nur ein Ernstfällchen ist. Davon haben die Bevölkerungsschützer mit Sicherheit lange geträumt. Die Militärköpfe auch. Unter „Experten“ herrschte wohl Einigkeit, dass Krisenfestigkeit, Bereitschaft, “Akzeptanz” und dergleichen einmal durchgespielt werden sollten. Aber es kam nie dazu, weil solcherlei Übungen Widerstände und Diskussionsbedarfe provoziert hätte, denen die Bevölkerungsschutzmannschaften in den Regierungen nicht gewachsen sind. Der Coronavirus bietet eine Chance, die nun genutzt wird. Es ist allerdings möglich, dass die Diskussionsbedarfe sich im Lauf der Wochen und Monate noch anhäufen. Wenn die Gurtenfestivals abgesagt werden, trifft es vielleicht einen empfindlicheren Bevölkerungsteil als die gutmütigen Fasnächtler.

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Zu notieren ist, dass in der Schweiz die gewöhnlich regierungsfeindlich und extrem freiheitsbewusst daherkommende extreme Rechte das Anti-Virus-Programm ohne Murren annimmt. Die Erbin des Blocher-Konzerns hat in ihrer Firma strikte Schutzmassnahmen angeordnet und tritt im Parlament maskiert auf – die einzige Fasnachtsmaske in der Stadt Bern. Wenn richtig erinnerlich, kommt von rechts aussen auch der Ruf, die Grenzen dicht zu machen, namentlich gegen Italien hin. In den Vereinigten Staaten verhält es sich gerade anders. Dort stellt die extreme Rechte die Corona-Krise als Regierungsverschwörung und linken Popanz dar. Was ein rotblütiger Vollamerikaner à la Trump ist, schert sich einen Teufel um den Virenzauber. Der Caudillo selbst haut kräftig auf dieselbe Pauke und gibt bei jeder Gelegenheit bekannt, er halte die Besorgnis für übertrieben und die Gefahr für klein.

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Zumindest hierzulande wird die Geräuschkulisse aus Amerika das Verständnis für die Corona-Massnahmen fördern. Wenn sämtliche medizinischen Fachleute, der Bundesrat und die Kantonsregierungen aller Schattierungen uns sagen, die Krise sei ernst und Donald Trump sagt, sie sei ein aufgebauschtes Nichts, wird der Fall klarer.

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Der Idiot ist ein nützlicher.