Fred Heiniger (72) ist Fahrlehrer und Musiker in Langenthal. Die Corona-Krise hat ihm einen wunderbaren Abschied vom Berufsleben beschert.

 


Sälü Fredu, was machst Du so?

Gestern war ich drei Stunden wandern. Mit Liliane.

 

Ich gehe fast jeden Tag laufen, auf den Rappenkopf.

Mache ich nicht mehr.

 

Ich höre “nicht mehr”. Hast Du je?

Früher schon. Jetzt marschiere ich. Musst Du mit etwas zügigem Schritt, dann wirkt das auch. Wir haben es gut hier.

 

Meine Frau ist in New York und sagt, sie gehe nicht an den Fluss oder in den Park, weil es zu viele Leute habe.

Ist bei uns auch so. Zum Beispiel am Sängeliweiher hat es manchmal viele. Aber wir können ja ausweichen.

 

Und sonst?

Mein Geburtstagsfest muss ich auf den Herbst verschieben. Ich wollte wieder Hausmusik machen, zwei Dutzend Personen oder so in der Stube. Geht halt jetzt nicht.

 

Wusste ich gar nicht, dass Du Hausmusikgeburtstagskonzerte machst. Wer kommt da so alles?

Levin. Rolf Lüthi. Martin Gyger. Bis zu dreissig Leute, im Wohnzimmer.

 

Spielt Gyger noch?

Ja, ziemlich viel. Er ist jetzt pensioniert. Ich mache mit ihm die Schrottabende im Januar im James. Hits aus den Jahren 1952-1965. Das nächste Mal gehen wir bis 1980. Nachher interessiert mich nicht mehr so. Sie lassen 50 Leute herein, mehr dürfen sie nicht. Das Volk tobt jeweils.

 

Was treibst Du ausser Wandern und Musik?

Ich habe angefangen, meine Biografie zu schreiben, Erinnerungen aus meinem Leben, die Jugend auf dem Bauernhof. Ich habe schon 70 Seiten.

 

Mmmh – das machen alte Männer. Und Politiker. Was läuft in der Fahrschule. Kannst Du noch arbeiten?

Wir dürfen nicht. Der Verband hat nun eine Eingabe zur Wiedereröffnung gemacht, unter Auflagen. Maske tragen, bei jedem Schüler das Auto desinfizieren. Plastik über den Sitzen. Eine Riesenvorbereitung, aber wenn Du es musst, musst Du es. Ich höre nun auf. Wollte im Sommer eh aufhören, nun tue ich es halt etwas früher.

 

Wie viele Schüler hast Du noch?

Fünfzehn, davon zehn Ausländer, die zur Kontrollprüfung müssen, wegen der Sprache.

 

Du hast gesagt, dass Dich die Eritreer sehr beeindrucken.

Die meisten sind sehr clever. Sie sind vernetzt und helfen einander. Aber es sind nicht nur die Eritreer, die mich beeindrucken. Auch andere. Die Türken, die Iraner. Die zehn Kontrollprüflinge sind alles tolle Menschen. Ich spreche viel mit ihnen.

 

Was ist das Besondere?

Da gibt es zum Beispiel ein türkisches Ehepaar in Bützberg, Asylbewerber. Er wäre eigentlich Lehrer, sie Hebamme. Jetzt sind sie im Deutschprogramm. Er hat mir geschrieben und gefragt, ob sie etwas für mich tun können. Einkaufen, Putzen oder dergleichen. Oder ein anderer Türke, ein Anwalt, den Erdogan nach dem Putsch acht Monate in den Knast gesteckt hatte, und der dann mit seiner Familie geflohen ist. Er ist etwa zwei Jahre hier in Langenthal. Er erzählte mir, seine Konten seien gesperrt, er müsse hier von Grund auf neu anfangen. Auch er schrieb mir –  zweimal – und bot an, mir die Wohnung zu putzen oder einzukaufen. Ich solle mich melden. Ich dankte diesen Leuten und sprach Ihnen meine Hochachtung aus. Am umwerfendsten ist der Iraner aus Oberburg. Er hat seine Fahrprüfung im vergangenen November gemacht, unsere Beziehung ist eigentlich zu Ende. Als es losging mit Corona, rief er mich an und fragte, wie es mir gehe, und ob er mir helfen könne. Ich antwortete, ich hätte mich in Selbstisolation begeben. Da meinte er: Mister Fred, you are a strong man, you won’t get sick.

 

Mister Fred?

So nennen mich alle. Ich sage ihnen, sie sollen mich duzen wie ich sie auch, aber sie weigern sich. Ich sei eine Respektsperson.

 

In welcher Sprache redest Du mit denen?

Deutsch. Aber einige können es noch nicht so gut. Deshalb habe ich mir ein Wörterverzeichnis mit den wichtigsten Ausdrücken in Türkisch und Albanisch gemacht. Oder ich spreche Englisch mit denen, die es können. Ich frage sie natürlich auch das eine oder andere. Der Iraner erzählte mir, er sei im  Militär gewesen, habe dort Probleme bekommen und sei ins Gefängnis gesteckt worden. Dann flüchtete er und landete in der Schweiz. Er sagt, er sei froh, in einem Land leben zu können, wo es Frieden und Sicherheit gebe. Dieser Mann ist nur vorläufig aufgenommen, sein Flüchtlingsstatus ist nicht anerkannt. Er erhält pro Monat 280 Franken von der Heilsarmee. Und er will von Oberburg nach Langenthal kommen, um meine Wohnung zu putzen oder einkaufen zu gehen oder eine Besorgung zu machen für mich. Er erhält zweimal pro Jahr von seinem Vater im Iran ein Paket. Das letzte Mal waren es zwei Schachteln iranische Süssigkeiten. Stell Dir vor, er hat mir eine geschenkt. Ich hatte Tränen in den Augen bei diesem Telefon. Die Süssigkeiten waren allerdings sehr süss. Zu süss für mich.

 

Bieten Dir die Schweizer auch solche Hilfe an.

Ich habe viel Hilfe von Schweizer Bekannten, Freundinnen und Freunden.

 

Wie kommst Du zu diesen Asylbewerbern als Schüler?

Die sind alle miteinander vernetzt. Der eine ruft den anderen an. Ich fragte einen Afghanen, wie er auf mich gekommen sei. Er sagte, ein Kollege habe ihm gesagt: “In Langenthal es gibt alten Mann. Er macht Fahrschule, und er macht es gut”.

 

Er hat recht. In beiden Punkten. Reut es Dich, dass Du nun aufhörst?

Nein. Die Erlebnisse mit den ausländischen Fahrschülern sind für mich ein schöner Abschluss. Schöner als ich mir das vorstellen konnte.