Philippe Mottaz (66) ist Gründer und Chefredaktor des Geneva Observer, einer Online-Plattform für Analyse und Berichterstattung über Genève Internationale. Er war US-Korrespondent und Chefredaktor des französischsprachigen Schweizer Fernsehens, leitete das englischsprachige World Radio Switzerland (SRG) und ist Autor von “#Trump: De la démagogie en Amérique“ (mit Stéphane Bussard). Ein alter Freund aus vergangenen Zeiten, unsere Töchter wurden fast zur selben Zeit geboren.

 

Salut, Philippe – ist das Kind auf der Welt?

Ja. Ein Bub.

 

Jetzt bist Du Grossvater. Das macht würdiger. Auch ein wenig älter. Ich gratuliere und bin etwas neidisch. Kommen schon Anfragen für Babysitting?

Geht nicht. Louisa ist ja in London. Wir können da jetzt nicht hin.

 

Geburt in der Coronakrise in London ist nicht gerade, was man sich wünscht.

Es ist alles in Ordnung. Aber sie musste früher aus dem Spital als normal – und einmal draussen, kann sie nicht zurückkehren.

 

Gibt es Mutterschaftsurlaub in England?

Louisa hat ein sehr gutes Arrangement in der Anwaltskanzlei, in der sie arbeitet. Ein Jahr Mutterschaftsurlaub, von dem sie an ihren Partner abtreten kann, wie sie will. In London müssen die Firmen gute solche Angebote machen, der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte hochintensiv.

 

Genf ist der Sitz der Weltgesundheitsorganisation. Das ist jetzt die bedeutendste UNO-Organisation überhaupt. Merkt man das bei Euch?

Man spricht darüber. Aber man sieht nichts.

 

Ihr seid jetzt die Welthauptstadt der multilateralen Politik. Die UNO-Gremien in New York versagen. Der Sicherheitsrat macht keinen Mucks.

New York hat sich nach Genf verlagert.

 

Du hast den Geneva Observer gegründet – siehst Du mehr Beachtung?

Wir sind klein – zu klein. Ich will unabhängigen, kritischen Journalismus, der nicht von den Genfer Institutionen oder vom Staat abhängt. Altmodischen Journalismus, der sich an Fakten orientiert. Ich sehe, dass es ein Bedürfnis gibt, ein Interesse. Aber Genf bleibt die einzige globale Stadt ohne ein Medium, welches das dortige Geschehen und seinen Einfluss in der Welt abdeckt. Ich bin weiterhin auf der Suche nach Partnern. Und nach Geld. Ich hatte gute Gespräche mit der New York Times, aber die Coronakrise hat alles auf Eis gelegt.

 

Was denkst Du über Trumps Angriffe auf die WHO und die Behauptung, die WHO habe Chinas Verantwortung in der Coronakrise heruntergespielt?

Das ist eine komplizierte Sache. Auf der einen Seite gibt es eine Strömung in Amerika, die alle multilateralen Ansätze ablehnt. Das ist eine von mehreren hidden agendas, die Trump als Vehikel benutzen. Die setzen die Leute aus ihrem Netz gezielt auf wichtige Positionen. Der US-Botschafter bei der UNO in Genf ist ein Paradebeispiel – rechts vernetzt, aus der Schule von Mitch McConnell, katholisch-konservativ. Diese Leute bekämpfen die WHO als Teil des multilateralen Systems und sprechen von “Alternativen”. Sogar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wird mit einem Konzept von “natürlichen Rechten” relativiert. Auf der anderen Seite musst Du sehen, dass der WHO-Chef ein Äthiopier ist, und Äthiopien seit den siebziger Jahren eine enge Beziehung mit China hat. China hat in Äthiopien investiert, von Addis Abeba aus wird die chinesische Entwicklungshilfe in Afrika gesteuert. Es gibt seit langem eine chinesisch-äthiopische Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich. Äthiopien ist Chinas Mittelsmann bei der Instrumentalisierung der multilateralen Institutionen. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass der äthiopische Chef der WTO sich gegenüber China enorm verständnisvoll gegeben hat – zu sehr vielleicht. Aber wie sollen Vertuschungen oder Kollusionen bewiesen werden? Mit Emails? Wo ist die Justiz, die sie beschlagnahmen könnte? Pompeos Behauptungen über Chinas Virus-Laboratorien erinnern mich sehr an Colin Powells Beteuerungen über Massenvernichtungswaffen im Irak.

 

Wie verhält sich China in den Gremien in Genf?

Sie investieren in das System. Sie sind in den Gremien aktiv, wo es um Begrifflichkeiten geht, Worte. Sie bringen Texte ein, die neue Begriffe enthalten. Sie sind bei der Besetzung von Posten aktiv. Der neue Stabschef der ILO ist ein Chinese.

 

Und die Amerikaner?

Sie haben gemerkt, dass der Rückzug aus den multilateralen Gremien falsch war. Sie machen gegen China mobil, auf verschiedene Weise. Sie greifen die Institutionen an, wie im Fall der WTO. Oder sie bilden Koalitionen gegen China, wie zum Beispiel beim Patentschutz, in der WIPO.