Washington, Pennsylvania. Sitz des Washington County südlich von Pittsburgh, in der Südwestecke des Staats, wo er mit Ohio und West Virginia zusammenstösst. Kohle, Stahl und Landwirtschaft, viel Wald. Hier hausen Hirsch und Bär. The Deer Hunter Land.

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Am Ende des Baseballstadions, hinter dem leeren Parkplatz haben die Demokraten einen kleinen Pavillon besetzt. Am letzten  Ridin’ with Biden rally vor der Wahl verteilen sie Hüte, T-Shirts, Masken und Rasenschilder. Im Gras steht ein lebensgrosses Kandidatenpaar aus Pappe, neben dem man sich ablichten kann. Der Andrang ist, sagen wir: überschaubar. Etwa hundert Wählerinnen und Wähler seien erschienen, sagt Marcie Callan, treasurer der Washington County Demokraten. Bei den vorhergehenden Veranstaltungen seien es mehr gewesen, alles in allem hätten wohl zehntausend Personen sie besucht. In Washington County sind rund 100 000 wahlberechtigt.

 

Pennsylvania – im Osten urban und demokratisch, im Westen ländlich und republikanisch – ist ein tossup Staat, in dem der Wahlausgang auf Messers Schneide steht. Vor vier Jahren gewann Donald Trump die Wahl hauchdünn, sein Vorsprung betrug 44000 (bei 5 Millionen abgegebenen) Stimmen. In Washington County hatte er 65000 von 100000 Stimmen, ein Zweidrittelsmehr. Ziel der Demokraten ist, ihren Anteil auf 40 Prozent zu erhöhen. “Washington County ist rot” (republikanisch), sagt Marcie Callan. “Wir werden hier nicht gewinnen. Aber wenn wir in Wahlkreisen  wie diesem die Lücke verkleinern, hat Biden gewonnen”.

Christina Proctor (links) und Marcie Callan (rechts): Parteiaufbau.

Seit der Niederlage vor vier Jahren hat die Partei sich gestrafft. “Ich stellte fest, dass die Demokraten keine Telefonnummer, keinen Facebook-Auftritt und kein Büro hatten. Da startete ich eine grassroot-Gruppe”, erzählt Christine Proctor. Die Neu-Aktiven merzten die organisatorischen Defizite aus, suchten nach Kandidatinnen und Kandidaten und sammelten Geld. Sie registrierten ein Political Action Committee bei der Bundeswahlbehörde. So heissen die politischen Geldsammelapparate, die frei, schrankenlos und bundesweit Geld für einen politischen Zweck sammeln dürfen, solange sie sich nicht mit einer bestimmten Präsidialkampagne “koordinieren”, wie es heisst. Das PAC Southwest Pennsylvania Moving Forward hat mehrere hunderttausend Dollar gesammelt, die in Werbung für Joe Biden gesteckt werden. Radiospots und Zeitungsinserate – TV ist zu teuer – konzentrieren sich auf “oft vernachlässigte Aspekte nationaler Anliegen”, wie ein Organisator sagt: Die Themen sind Gesundheit, Bildung, „Veteranen für Biden“ (Trump – dem Militär wegen eines angeblichen Auswuchses am Fuss entkommen – hat militärische Veteranen als suckers und Kriegsgefangene als losers betitelt).

Und Energie.

Gaserfassung im Washington County – eine von 1200 Anlagen.

“Energie” heisst hier Kohle und Gas. Pennsylvania hat immer noch riesige Kohlevorkommen, die unter Tage abgebaut werden  und noch riesigere Mengen an unterirdischem Gas, das seit anderthalb Jahrzehnten mit der fracking-Technologie erschlossen wird. Fracking ist die Kurzformel für hydraulic fracturing – die Zertrümmerung von tiefliegenden Gesteinsschichten mittels Druckwasser, um das Gas entweichen zu lassen. 1000 Meter geht es in die Tiefe und über 3 Kilometer horizontal. Die Marcellus-Gesteinsschicht gilt als grösstes Gasvorkommen der Welt. Washington County beherbergt 1200 fracking-Anlagen. Äusserlich ist davon nicht sehr viel zu sehen, ein abgezäunter Hügel und einige Pipeline-Signale in der Landschaft. Ökonomisch jedoch hängen zehntausende von neuen Jobs und hunderttausende von Tantiemen daran. Vor vier Jahren hatte den Ausstieg aus der Kohle verkündet, was in Südwest-Pennsylvania nicht gut ankam. Noch weniger, weil sie als Sprecherin einer Globalisierung wahrgenommen wurde, welche der Abwanderung der alten Industrien untätig zusah. Trump gewann, weil er die Rückkehr von Kohle und Stahl versprach und zahlreiche Umweltregeln seiner Vorgänger durchstrich. In diesem Jahr versucht er es mit fracking . Trump krallt sich an den Aussagen von Vizepräsidentschaftskandidaten Harris fest, die sich gegen die Technologie ausgesprochen hatte und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen in grossem Stil forderte. Biden ist in der Mitte eingeklemmt: Zwar hat er dem Green New Deal der US-Linken bereits abgeschworen. Aber er anerkennt, dass der Ausstieg aus der fossilen Energie längerfristig unausweichlich ist, wenn die Erderwärmung beschränkt werden solle. Das heisst für Trump, dass Biden einknickt und “gegen fracking istBiden steht in diesem Punkt in der Defensive. Er muss den Satz I am not against fracking aussprechen, den er meist mit allerlei “aber” und “wenn” ergänzt. Schadet die Kontroverse den Demokraten in Washington County? “Eindeutig ja”, sagt einer der Aktiven am Stand beim Baseballstadion. “Wir Demokraten sind für Jobs, Gesundheitswesen und Bildung”, sagt Marcie Callan. “Fracking ist eine riesige Industrie für uns”.

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Marcie und ihre MitstreiterInnen sind guten Mutes. “Wir zielen auf low-propensity voters”, sagt Christina Proctor. Das sind solche, die nicht oft zur Wahl gehen, aber pro-demokratisch eingestellt sind. Solche, die vor vier Jahren Frau Clinton die Stimme verweigerten. Mittels Parteidatenbanken und öffentlich zugänglichen Registern seien 10 000 solche Wählerinnen und Wähler identifiziert und angeschrieben oder per Facebook kontaktiert worden, mehrfach. Ob der Effort fruchtet? Die Demokraten machen sich Mut. Bei der Briefwahl hätten doppelt so viel als Demokraten Registrierte abgestimmt wie Republikaner. Beim early voting ­ Stimmabgabe an der Urne vor dem Wahltermin – sei es ähnlich. Man sehe Biden-Tafeln, wo früher nichts war (“vor vier Jahren hätten Sie hier kein einziges Clinton-Schild gefunden”), und keine Trump-Tafeln, wo früher welche standen. “Ein Nachbar, der vor vier Jahren ein Trump-Schild vor dem Haus hatte, steckte diesmal nur ein Schild für den  republikanischen Abgeordneten in den Rasen”, sagt Max Gonano.

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Ein Zeichen? Vor ein paar Tagen sah ich in Alexandria/Virginia ein ähnliches Phänomen. In der Nachbarschaft, die ich seit Jahrzehnten kenne, eine ganze Menge Biden/Harris Propaganda, aber kein einziges Trump-Schild. Ein tiefrepublikanischer Haushalt hat das Schild des republikanischen Senats-Kandidaten vor dem Haus. That’s how far we will go, sagt die Hausherrin. Sie und ihr Mann werden Trump wählen. Gibt es versteckte Trump-Anhänger, die sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, weil sie wissen, dass sie minorisiert sind? Oder weil das Verhalten ihres Kandidaten sie beschämt?

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Auf dem Weg zum Baseballstadion in Washington PA kreuze ich auf der Autobahn eine lange Kolonne von Trump-Anhängern, die Pickups reich beflaggt mit Trump- und US-Fahnen. Bereits am Samstag zuvor war mir in Charleston SC ein ähnlicher Umzug begegnet. Sind Trump-Anhänger mit mehr Verve bei der Sache? Legen sie mehr Hartnäckigkeit an den Tag? Gibt es einen Unterschied punkto Enthusiasmus – ein enthusiasm gap?

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Alle Zeichen zeigen auf eine Rekordteilnahme an der Wahl vom 3. November. Es geht um Mobilisierung der Anhängerschaft, in zwei Stufen. Zum einen müssen die Wähler dazu gebracht werden, sich zu “registrieren” (in den USA ist man – anders als in der Schweiz – nicht bei einer Gemeinde “gemeldet”, die das Stimmmaterial automatisch zuschickt, sondern muss man sich zur Wahlteilnahme einschreiben). Zum andern müssen die Registrierten auch zur Stimmabgabe gebracht werden.

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“Die Demokraten spüren, dass die Republikaner bei der Registrierung bessere Arbeit geleistet haben”, sagt Paru Shah, Politiologierprofessorin an der University of Wisconsin in Milwaukee, einem anderen tossup Staat, den Trump vor vier Jahren nur knapp gewann. Die Republikaner hätten mehr Propaganda “von Person zu Person” gemacht, während die Demokraten aus Angst vor der Pandemie darauf verzichtet hätten. “Ich bin Demokratin, und die einzigen Versuche der Partei, mich zu kontaktieren, sind E-Mails und SMS”, sagt Shah. “Ich bin nicht sicher, ob das funktioniert. Wir wissen aus der Forschung, dass Mobilisierung von Tür zu Tür funktioniert”. In Washington County haben die Demokraten “vor kurzem” angefangen, von Tür zu Tür zu gehen, sagt Marcie Callan.

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Die Demokraten werden wie vor vier Jahren landesweit mehr Stimmen erhalten als die Republikaner. Es geht darum, in den knappen, verlorenen Bundesstaaten die Mehrheit zu gewinnen, die Wählerbasis zu verbreitern, die von Hillary Clinton verbiesterten und von Donald Trump Enttäuschten hinter sich zu bringen. Donald Trump wird seine Basis nicht verbreitern können, sondern vertiefen müssen, wenn er siegen will.  Er muss noch mehr Überzeugte zur Urne bringen als vor vier Jahren. Deshalb der frenetische Versammlungskalender, der Trump kreuz und quer durch das Land irrlichtern lässt, mit mehreren Stopps am Tag. Allentown, Lititz und Martinsburg in Pennsylvania, Walbridge und Youngstown in Ohio, Washington (noch eines) in Michigan, Poenix in Arizona angesagt. Trump muss den Enthusiasmus seines Anhangs ins Unermessliche steigern.

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Gibt es ein enthusiasm gap. Professor Paru Shah denkt nein: “Sie sehen diese Trump-Versammlungen mit viel Enthusiasmus, und Sie sehen nicht Massen von Menschen, die enthusiastisch für Biden sind. Aber es gibt keine Enthusiasmuslücke. Biden-Wähler sind entschlossen”.

Sonntagmorgen, Trinity Gospel Temple, Canton OH. Eine charismatische Kirche, fundamentalistisch. Gott ist hier omnipräsent, er (sie?) würzt jede Konversation. Nach dem Gottesdienst erhalte ich dank meiner Bekannten R Gelegenheit, mit Pastor Michael Gammill und zwei Kirchgängerinnen, Beverly Gadison und Monica Nagy, über Politik zu sprechen. Das ist kein Problem mehr, seit die Trump-Administration die Steuerkeule weggelegt hat: Bis 2016 verloren Kirchen ihre Steuerprivilegien, falls Kirchenmänner sich im Gotteshaus politisch äusserten. Meine GesprächspartnerInnen stehen hundertfünfzig Prozent hinter Donald Trump. The bible is our voter guide, sagen sie. Die Wahlanleitung ist die Bibel. Auf einem Blatt haben sie den Programmvergleich zusammengestellt, party platform comparison 2020, links rot die Republikaner, rechts blau die Demokraten. Es geht um Abtreibung, Eheschluss, Schwule und Lesben, (“LGBT agenda”), Toilettenreglemente, Gott, Religion, sex education und mehr. Auf den Einwand, die Republikanische Partei habe 2020 gar keine Wahlplattform verabschiedet, sagt Pfarrer Gammill: “Wir haben die von 2016 angepasst und stützen und auf vier Jahre Erfahrung”.

Monica Nagy, Beverly Gadison, Michael Gammill (von links nach rechts) : Die Wahlanleitung ist die Bibel.

 

Monica Nagy hat 2016 einen prayer call ins Leben gerufen (The Lord put it in my heart), jeden Morgen von 8 bis 8.45 Uhr kann man anrufen und für Land, Volk, Präsident und Israel beten. Trump is God’s appointed man, sagt Monica. Auch wenn er sich benimmt, wie ein rüpelhafter Schulbub? “Es gibt nur einen perfekten Menschen, nämlich Jesus Christus. Wir sind alle works in progress.” Jeder macht Fehler. Aber ja, Trumps Verhalten hilft nicht. “Ich bete zu Gott, dass er ihm einen Filter in den Mund steckt”, sagt Monica Nagy. I pray that the Lord put a guard in his mouth. Aber es gehe nicht um die Persönlichkeit, sondern um das Programm, sagen alle. Look at the platform. Trump ist gegen Abtreibung. Für Israel. It’s about a socialist leaning platform against capitalism”, sagt Monica Nagy. Bei der Wahl geht es um Sozialismus gegen Kapitalismus. Eine Entscheidungsschlacht. So krass sagen es nur Trump und sein härtester Kern. Die pragmatischere Version lautet: Trump ist gut für die Geldanlagen, weil die Börse aufwärts ging und weiterhin stark bleibt. Unten in South Carolina hatte es Jan Prentice so formuliert:  We don’t like his bad behavior, but we like his policies. Wie hiess es auf den bumper stickers, als in den achtziger Jahren in Louisiana ein Kukluxfaschist gegen einen Kriminellen antrat? Vote for the crook, it’s important.

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Beverly Gadison gehört der Kirche seit dreissig Jahren an. Sie gehört zur schwarzen Minderheit der Mitglieder. Bis vor einem Jahr wählte sie demokratisch. I asked the Lord who to vote for, and he began to show me, sagt sie. “Sie haben es mir erklärt, ich realisierte, dass ich für etwas eintrat, das Gott nicht will”. In ihrer Familie sticht sie heraus, sie ist sozusagen das schwarze Schaf. Ihre Schwester, ebenfalls Christin und Kirchgängerin, aber in einer anderen Kirche, steht politisch im anderen Lager. She is for what is his name – Bidden? Sie wählt Biden. “Sie nennt mich dumm”, sagt Beverly. “Ich habe versucht, mit meinen Freunden über Trump zu sprechen, aber sie wurden sehr wütend, gewalttätig. Jetzt halte ich mich zurück”.

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Kann das Trump-Lager noch Wähler zugewinnen. Pastor Gammill sagt ja: “Ich kenne vier Personen, die nie gewählt haben und diesmal wählen werden. Und ich kenne mehrere andere, die sich aus der Politik heraushalten wollen, und die ich ermutige”. Die Runde ist sich einig, dass es knapp wird. “Ich glaube, dass Trump gewinnt”, sagt der Pastor. “Wenn er verliert, dann wegen der Art und Weise, wie er mit der Coronakrise umgegangen ist”.

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Nach dem Gespräch Lunch in einem Restaurant. Einzelabteil, mit Glas getrennt. R und ich tauschen Familiensachen aus. Sie erzählt vom grausamen Autounfall ihres Mannes, 1 Prozent Überlebenschance, Mobilisierung der Glaubensschwestern, viel, viel Gebet. Gottes Ohr, Gottes Hilfe, der Mann überlebt. Plötzlich stehen zwei junge Männer vor uns. God is great, sagt der eine. Er habe unserem Gespräch zugehört und könne nicht anders, als die Güte des Herrn und die Macht des Gebets zu preisen und sich zu offenbaren.

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Only in America.

Publiziert bei www.watson.ch