Lieber B.,

Du schaust „Weltwoche Daily“ auf Youtube, findest es interessant, obwohl Du Herrn Köppel nicht magst, und fragst mich nach meiner Meinung. Ich kannte das bisher nicht.  Ich habe die kürzeste Ausgabe eingeschaltet, vom 17. Dec, 24 Minuten lang.

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Ich muss Dir gestehen, dass ich nicht alles geschaut habe: Das ist einfach viel, viel zu lang und zu geschwätzig. Wenn einer eine halbe Stunde oder mehr (die anderen Sendungen waren 40minüter) in eine Kamera redet, ohne Unterbruch, dann sollte er auch witzig und unterhaltsam sein. Köppel ist das nicht. Er redet, wie er schreibt: Ein bisschen Predigt, ein wenig Scheinheiligkeit, alles berechenbar, weil immer nach dem gleichen Muster genäht. Und diese bemühte gute Laune, am frühen Morgen – schauderbar. Offensichtlich möchte er vom Etikett des toxischen Zürcher Scharfmachers wegkommen, das er – in langer Tradition – fortführt. Deshalb auch ein paar Hiebe gegen die eigene Partei, immer vom noch extremeren Standpunkt aus geschlagen. Auch offensichtlich, dass er vielleicht die angelsächsischen Talk-Formate mitbekommen hat und nun nachahmen möchte. Die sind auch politisch rechts, aber zuweilen pfiffig, oft unterhaltsam, und wird der Schwatzfluss dort mit Werbung unterbrochen. Köppel ist nur rechts, und er hat keine Werbung. Noch nicht.

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Natürlich hat er in vielem recht. Die Medien sind in der Tat ein Einheitsbrei (sie haben zum Beispiel im Frühling dem Bundesrat nachgebetet, dass Masken nichts taugen, obwohl klar war, dass die Regierung und der famose Doktor Koch das nur sagten, weil man keine beschafft hatte). Die Regierungen in Bund und Kanton haben vieles falsch gemacht. Und ja, in den USA hat Donald Trump ein Spitalschiff (nicht einen “Flugzeugträger”, das ist Quatsch) nach New York geschickt und die Armee mobilisiert, um Impfstoffe zu verteilen. Ähnliches (ich rede vom Militär, nicht vom Schiff)  hätte man hier auch tun können, und wenn es stimmt, dass die Armee nicht einmal eine Anfrage erhalten hat, ist es ein Skandal. Wahr ist auch, dass wir seit zwei Jahrzehnten ein Departement für “Bevölkerungsschutz” haben, nahezu immer von Köppels SVP geführt, und dass dieses Departement es offenbar völlig verschlafen hat, für Masken zu sorgen, Verteilungspläne für Pandemie-Impfstoffe zu erstellen oder selber aktiv zu werden, wenn dem Land Gefahr droht. Ein Departement, das auf eine Anfrage wartet, bevor es aufsteht und handelt, ist in meiner Sicht nicht der Staat, den wir brauchen.

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Im  wenigen, das ich gesehen habe, fand ich einiges schief oder sehr, sehr tendenziös dargestellt:

  • Ist es wirklich wahr, dass die Pharmafirmen bereits am 13. Januar einen Impfstoff hatten? Ich weiss es nicht, aber ich glaube es nicht. Es mag sein, dass am 13. Januar ein wichtiger Schritt gemacht wurde. Ein Stoff muss aber getestet werden, bevor er auf die Menschheit losgelassen wird. Nach allem, was ich lese, geschah das in Rekordzeit. Was will Köppel mit seiner Bemerkung sagen? Insinuiert er, dass die grossen Pharmafirmen oder andere finstere Mächte den Impfstoff künstlich verzögerten? Wenn ja, warum?
  • Donald Trump hat in den USA nicht einfach den ihm zustehenden Rechtsweg beschritten, um die Wahlen anzufechten. Köppel tut so, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Das ist es nicht. Wir wissen alle, dass das amerikanische Wahlsystem extrem fragil und fragwürdig ist. Es funktioniert vor allem deswegen, weil die Verlierer traditionellerweise ihre Niederlage anerkennen, dem Gewinner gratulieren und eine geordnete Übergabe der Macht ermöglichen. Das ist Tradition, also eine Sache, die “Konservative” traditionell hochzuhalten pflegen. Trump tat nichts von alledem. Er hat von Anfang an allen eingehämmert, dass die Wahl eh gezinkt sein werde.
  • Die von Köppel ins Spiel gebrachte “Zusammenarbeit” zwischen den englischen und den schweizerischen Universitäten nach dem Brexit ist an den Haaren herbeigezogener Unsinn. Warum sollte die Schweizer Regierung das befördern? Die Hochschulen können das selber machen, wenn sie wollen, es hindert sie niemand daran, und Köppel fordert staatliches Handeln (von Herrn Parmelin) ausgerechnet in einem Bereich, aus dem die SVP den Staat gewöhnlich fernhalten will. Der Grund, warum Köppel hier so auftritt, liegt in seinem Hass gegen die Europäische Union. Er fasst jedes Zipfelchen, mit dem die EU geschwächt und die Beziehung der Schweiz zur EU verkleinert werden kann. Ich finde das vollständig verkehrt. Wenn wir den Lauf der ganzen Welt betrachten, liegt die beste Chance für ein Überleben der Schweiz als Schweiz in einem geeinigten – und einem geeinigteren – Europa. Die Mehrheit der Schweizer will da nicht beitreten, ok. Aber wir sollten alles tun, um Europa nicht noch mehr Steine in den Weg zu legen als bereits vorhanden sind.

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Ich glaube nicht, dass ich “Weltwoche Daily” abonnieren werde.

Best

J