Johann Aeschlimann (70) hat dank Corona das Gärtnern entdeckt und schreibt diesen Blog. Er ist gestern 70 geworden.

Johann, warum ist der Blog eingeschlafen?
Ich hatte gerade ein bisschen viel zu tun. Aber jetzt mache ich einen neuen Anlauf. Ein Blog ist wie ein Tagebuch. Das vermögen nur wenige durchzuziehen. Ich gehöre nicht dazu. Aber man kann immer wieder anfangen. Das Leben ist so.

Wo bist Du zurzeit?
In CH-4932, ein Dorf im Berner Mittelland. Nahe dem Ort, wo die Schweiz am Durchschnittlichsten ist. Wir haben zwei Läden, zwei Kneipen, zwei Tattoo-Shops und zwei oder mehr esoterische Spezereihandlungen. In einem kannst Du heilende Seifen kaufen, wenn Du daran glaubst.

Steckst Du wegen Corona fest?
Nicht nur, aber schon auch, ja. Ich habe das Elternhaus übernommen, räume alte Sachen aus dem Weg und bringe den Garten auf Trab.

Ich dachte immer, Du hassest Gartenarbeit.
Das war so, ja. Als Bub musste ich am Samstag immer im Garten ackern, während die Kollegen sich im Schwimmbad tummelten. Die von oben befohlene Ruhe hat mir ermöglicht, das Zen-artige am Garten zu entdecken. Ich mache auch nur so ein, zwei Stunden am Tag. Keine Fron.

Wie fühlt es sich an, 70 zu sein?
Am Tag danach eher besser als am Tag zuvor. Die grosse Wasserscheide ist ja eh überschritten, nach fünfzig, fünfundfünfzig geht mehr oder weniger langsam bergab. Das Gerede von den golden years ist jedenfalls Geschwätz. Propaganda für die Kaufkraftklasse.

Wie lief es gestern?
Superspezial. Meine Frau hat den Ball aus dem Park geschlagen. Sie hat Freundinnen und Freunde angeschrieben mit der Einladung, Beiträge zu einem Video über mich einzusenden. Die hat sie dann zusammengestellt, und es wurde ein einstündiger Film. Unglaublich. Besser als jeder Zweispalter, den Du als Politiker oder Künstler im Lokalblatt erhalten würdest. Und das war nicht alles. Am Nachmittag teilte sie mir mit, ich müsse genau um zwanzig vor fünf vor den Bildschirm, weil die Töchter dann für eine Zoom-Session bereit seien. Das war nur etwa zehn Minuten so. Dann gesellten sich immer mehr Personen dazu, von überall her. Zuletzt waren wir wohl zwei Dutzend, bis nach sieben Uhr. Es war fast wie eine Geburtstagsparty.

Ein besonderer Tag.
Für mich auf alle Fälle. Unvergesslich.

Three score and ten.
So sagten sie früher, als man die normale Spanne eines Menschenlebens auf siebzig Jahre veranschlagte. So gesehen, bin ich nun in der Verlängerung. Overtime.

Heute sagen sie, siebzig sei kein Alter.
Na ja. Nichts wirklich Besonderes mehr, das stimmt. Nimm mal an, das mit den siebzig Jahren sei weltweit so und die Geburtstage gleich verteilt über den Kalenderr. Dann hätten gestern rund 300 000 Personen ihren 70. Geburtstag begangen, wenn ich richtig rechne – was durchaus nicht der Fall sein muss.

“It’s not the age, it’s the mileage”, sah ich einmal auf einer Hallmark-Geburtstagskarte Was hast Du so auf dem Buckel?
Habe ich auch ein wenig zusammengezählt. Ich kam auf:
1 Segelboot
2 Berufe
3 Häuser
4 Länder
5 Arbeitgeber
6 Sprachen
7 Saxophone
8 Arbeitsorte
9 Velos, 9 Autos
10 trittsicher gekochte Rezepte
11 Wohnungen
12 grosse Reisen

Wieviel davon ist guter Durchschnitt?
Das könntest Du ergooglen, ist aber weniger interessant als die Abweichungen.

OK – Du bist ja Schweizer, also konzentrieren wir uns auf Deinen Konsum von Käse, Schokolade und Zigaretten.
Gut. Ich vernachlässige die ersten sechzehn Lebensjahre, weil da die Eltern fürsorgliche Kontrolle ausübten. Das macht 54 Jahre als Konsument. Wohlwollend gerechnet, habe ich täglich 200 Gramm Käse und 200 Gramm Schokolade konsumiert.

Bei Schokolade eher mehr – ich habe mit Dir zusammengearbeitet und gesehen, wie Du unter Stress funktionierst.
Lassen wir das. Wir bleiben bei den 200 Gramm. Das macht pro Woche je 1,4 Kilo, mal 52 mal 54 macht 3931,2 Kilogramm. Gerundet ergibt dies 4 Tonnen Käse und 4 Tonnen Schokolade, die über die Jahre verstoffwechselt wurden.

Das erklärt Deinen Diabetes.
Bei den Zigaretten gehe ich von einem Schnitt von einem Paket pro Tag aus. Ich habe zwischen 16 und 32 und dann wieder zwischen 50 und 60 Jahren geraucht. Das macht 26 Raucherjahre, mal 365 Tage gibt 9490 Pakete, mal 20 gibt 189 800 Zigaretten.

Das erklärt den Stent in der Pumpe.
Geschmuggelt, würde die Ware in der EU rund 19000 Euro Strafe absetzen – mehr als ich je für ein Auto bezahlt habe.

Was sagen solche Berechnungen?
Für die Allgemeinheit nichts. Das ist nur für mich selbst von Interesse, im Sinne von “hättest Du nur” oder “was wäre wohl, wenn”. Im allgemeinen Fluss der Dinge zerrinnen solche Daten zum Spurenelement. Das einzelne Leben ist eine hochauflösliche Angelegenheit. Siebzig sind nicht “verweht”, wie Ernst Jünger einst titelte. Hier geht es ums Verfliessen. Siebzig verwichen.

Kein Hahn kräht danach. Hat denn kein Hahn gekräht?
Doch, doch. Ich sprach ja vom allgemeinen Fluss der Dinge, in dem das einzelne Leben sich auflöst. Für den einzelnen und seine Umgebung zählt es sehr wohl. Gestern haben die Hähne gekräht, ganze Bataillone. Und abgesehen von den Hähnen: Ich habe immer noch ein paar Hühner zu rupfen.