Sonntag, 6. November. Fetterman zum zweiten. Die conversation von John Fetterman, Kandidat der Demokratischen Partei für den US-Senatssitz von Pennsylvania, mit State Representative (Grossrätin) Patty Kim findet im Zembo Shrine statt, Beginn 1030 Uhr. Die Nachricht kam drei Stunden vorher. Gut, dass das Hotel in der Nähe liegt.

Ein Freimaurertempel, in einem stattlichen Wohnviertel gelegen, zwei Block vom Susquehanna entfernt, einst Kühlwasserspender des havarierten Atommeilers auf Three-Mile-Island. Das Gebäude ist ein Betonblock, Baujahr 1929, architektonisch gesehen irgendwo zwischen Schulhaus und Gefängnis, mit maurischem Stil garniert, Auf der anderen Strassenseite ein gigantischer Parkplatz, nahezu leer. Innen ein imposantes Vestibül mit Schlosstreppe, die Wände gekachelt, ebenso die Halle, auch maurisch angehaucht. An der Wand die Porträts von Männern in orientalischen Kostümen und Türkenkäppis.  Die Shriners sind eine amerikanische Freimaurerloge aus dem 19. Jahrhundert, gemeinnützig, dem Wohl der Kinder verschrieben, Freundschaft, Bruderschaft, Wahrheit – the works. Aus irgendeinem Grund haben sie es mit dem Orient, oder was man seinerzeit dafürhielt, der offizielle Titel des Vereins lautet  Ancient Arabic Order of the Nobles of the Mystic Shrine. Ein hurtiger Blick ins Internet gibt keine schlüssige Auskunft, ob Frauen auch Mitglieder werden können, die Rede ist von zahlreichen Veranstaltungen mit Frauenbegleitung und speziellen Frauenorganisationen «in Verbindung» mit. Könnte sich wie bei den Zürcher Zünften verhalten. Oder wie bei einigen «Service Clubs» in der Deutschschweiz.

Geschenkt. Die Halle ist zweigeteilt, hinten die Presse (spärlich vertreten, fast nur Kameras), vorne das Publikum, gutmütig gezählt eine Hundertschaft, ganz vorne ein Tisch mit zwei Stühlen. Es läuft Aerosmith, Die Konversationalisten werden vorgestellt, dann wird Aerosmith lauter, und sie treten auf. Patty Kim ist eine zierliche Dame, adrett in einem kleinen Roten. John Fetterman, zwei Meter lang, kommt wieder im Kapuzenpulli, Marke Earhard. Schwarz.

Fetterman ist Vize-Gouverneur von Pennsylvania und hat massgeblich dazu beigetragen, nicht-gewalttätige Kriminelle aus den Gefängnissen zu entlassen oder aus dem Strafregister zu löschen. Wer Pech hat, kann in den USA für kleinste Vergehen – eine kleine Dieberei, ein Joint zuviel – im Knast landen. Oder so gebüsst werden, dass die Strafe lebenslang aktenkundig ist, was beispielsweise bei der Einstellung Probleme schafft. Frau Kim sagt, sie habe beobachtet, wie Fetterman solchen Leuten geholfen habe. Fetterman sagt: «Ich glaube an zweite Chancen». Und überhaupt: «ich glaube nicht daran, dass jemand  Schaden nehmen sollte, nur weil er eine Pflanze nutzte».

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Dann geht es um den Schlaganfall, den Fetterman im Mai erlitt, und der ihn in der TV-Debatte gegen seinen Gegner Mehmet Oz alt aussehen liess.

 

 

Er braucht einen Computer, um Gesagtes zu verschriftlichen. Im Zembo Shrine ist nichts dergleichen zu bemerken. Fetterman sagt, er habe jetzt noch mehr Verständnis für die Not der Behinderten. Und er sei dafür, dass alle dieselbe gute medizinische Versorgung haben können, die er erhielt. Und ja, health care sei ein grosses Anliegen der Wählerschaft, er stelle es bei seinen «gigantischen Rallyes» fest. Dreitausend seien gekommen, fünfzehnhundert, tags zuvor, mit Obama und Biden noch viel mehr.

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Frau Kim fragt nach der Kriminalität. Crime ist das Schlussbouquet im Wahlkampf der Republikaner. Sie stellen Amerika als Opfer einer nie dagewesenen Welle von Gewaltverbrechen dar. Mord, Raub, Vergewaltigung, gerne begangen von illegalen Einwanderern, denen die Regierung Tür und Tor…usw. we are the only candidate in the race with hands-on experience with crime, sagt Fetterman. Er sagt «wir», nicht «ich» – vielleicht aus Bescheidenheit, oder vielleicht als Verbeugung vor irgendeiner neuen woke-Sprachvorschrift. Jedenfalls war er Sozialarbeiter in Braddock, einem wirtschaftlich gehäuteten, Stahlstädtchen bei Pittsburgh mit hoher gun violence unter Jugendlichen. Zwei seiner Zöglinge seien erschossen worden, sagt Fetterman. Er habe dann als Bürgermeister kandidiert, um etwas zu tun, und sei gewählt worden, mit einer Stimme Unterschied. Und er habe etwas erreicht, fünfeinhalb Jahre kein Mord in Braddock, das habe vorher und nachher niemand geschafft. Er habe mit der Polizei zusammengearbeitet. Wenn man Verbrechen bekämpfen wolle, gebe es nicht nur das eine oder das andere. Man müsse die Polizei stärken und die psychiatrische Versorgung ausbauen, und man müsse die Bevölkerung mitnehmen. Das wichtigste Werkzeug sei die Polizei. Die Polizei gehöre ins Zentrum aller Anstrengungen. Öffentliche Sicherheit müsse als «gemeinsames Ziel» verstanden werden. Dr. Oz habe keine Ahnung.

Inflation, fragt Frau Kim. Was ist mit der Inflation? Sie liegt über 8 Prozent, die Republikaner geben Biden die Schuld. «Zentral», sagt Fetterman. «Inflation ist eine Steuer auf den arbeitenden Familien». Dr. Oz, der TV-Millionär mit den zehn Häusern, habe keine Ahnung. Man müsse gegen die Gier der Konzerne vorgehen (die Ölindustrie macht historisch einmalige Profite). Und mehr Dinge in den USA herstellen. Oz habe seine Fernseh-Gadgets in China produzieren lassen.

 

Am Ende spricht Frau Kim noch die Gewerkschaften an, nach wie vor die wichtigste Organisation im Dispositiv der Demokraten. «Antigewerkschaftlich heisst antiamerikanisch», sagt Fetterman. Gewerkschaften haben die amerikanische Mittelklasse geschaffen, «sie haben das Weekend erfunden». Fetterman nennt das union way of life – gewerkschaftliche Lebensart:  «Faire Löhne, gute Sozialleistungen, ein sicherer Arbeitsplatz – Teilhabe am erschaffenen Wohlstand».

Verrückt, sagt Fetterman am Schluss. Seine erste Wahl zum Bürgermeister von Braddock habe er mit einer Stimme Unterschied gewonnen. Und daraus sei die Teilnahme an einer «nationalen Wahl» geworden. Es komme auf jede Stimme an, sagt John Fetterman zum Abschluss. Man solle ja stimmen gehen am kommenden Dienstag.

«Nationale Wahl», weil auf der Kippe steht, wer den US-Senat beherrscht. Im Moment steht es patt, 50 Sitze für die Republikaner, 50 für die Demokraten, mit der demokratischen Vizepräsidentin Harris als Stichentscheid. Pennsylvania ist derjenige Gliedstaat, wo die Demokraten mit Fetterman einen Sitz gewinnen könnten. Überall sonst sind sie in der Defensive. Deshalb werden Unsummen in den Senatswahlkampf in Pennsylvania gesteckt. Über eine Viertelmilliarde Dollar. Die Wahlausgaben werden erneut Rekorde brechen, auf allen Ebenen. Die TV-Werbung ist penetrant wie Strassenlärm. Die World Series waren mit politischer Werbung durchsetzt, Schlag auf Schlag ging es, Oz lügt, , Fetterman hat es mit den Kriminelle, etc. Der Irrsinn ist keine Kommentare mehr wert. Er wird hingenommen.

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Nach dreiviertel Stunden ist Schluss. Die Leute stehen auf und verlassen gemessenen Schrittes die Halle. Wie beim Kirchgang. Sie werden sicher abstimmen. Aber kennen sie Unschlüssige? Andersdenkende, die sich den radikalisierten Republikanern verweigern? «Jawohl», sagt Karen, Mitte Fünfzig. «Mehrere». Was sind das für Leute? «Geschäftsleute. Solche, welche die Lüge nicht mitmachen». Die «Grosse Lüge» ist Donald Trumps Behauptung, die Präsidentschaftswahl von 2020 sei gefälscht gewesen und nicht Biden, sondern er habe gewonnen. Welche Rolle spielt das Abtreibungsurteil des Obersten Gerichts – die Aufhebung des Grundrechts auf eigene Entscheidung der Frau und die drohenden Verbote in den Gliedstaaten? «Wichtig, aber nicht das einzig entscheidende Thema», sagt Karen. «Nicht das wichtigste Thema, aber ein entscheidendes», sagt Patty Kim, die Abgeordnete. Das Urteil sei vor allem für die Jungen jarring –erschütternd. «Leute, die sich vorher nicht um Politik gekümmert haben, tun es jetzt». Wenn die Jungen zur Urne gingen, komme es am Dienstag gut heraus, meint Justin Fleming, Kandidat für das Pennsylvania-Parlament. Tun sie es? Herr Fleming sichert ab: «Diejenigen, die wir erreichen, ja. Wir haben an eine Menge Türen von jungen Wählern geklopft, aber viele waren nicht daheim».