Samstag, 5. November 2022.  Am Montag spricht Donald Trump in Dayton/Ohio, auf dem Flughafen. Midterms Wahlkampf.  Das sind nur 900 Kilometer von Manhattan. Ich fahre hin.

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Das Mietauto abgeholt, die Stadt angenehm schnell verlassen, auf der Interstate 80 nach Westen. Nach der Wüste im Norden New Jerseys gibt es nach und nach Landschaft, bunte Wälder, grüne Felder – wie im schönen Jodellied «Bärnbiet Bärnbiet», nur viel weiter und grösser. Vielleicht umgekehrt. Lehigh Valley, Bethlehem, Allentown, einst Stahlkapitalen der Welt.

 

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Warum sind die neuen Autos so konstruiert, dass kein Mensch hinaussieht? Der Malibu wird auf Rückspiegel gefahren. Unangenehm.

Kurz vor Harrisburg ein Halt. Die Nachrichten gecheckt. Die übliche Flut von Wahlkampf-Betteleien. Hier noch ein Zehner, um einer Kampagne den letzten Pfupf zu geben. Ein E-Mail verheisst 5000 Prozent Vervielfachung jeder Spende. John Fetterman, da bin ich auf der Liste, veranstaltet am Sonntag in Harrisburg eine Fernsehdiskussion mit State Representative Patty Kim, ebenfalls Demokratische Partei. Nur auf Einladung. Da gehe ich hin. Ich melde mich an und buche ein fleabag-Hotel (der Rentner ist ein Billigreisender). Wo das Ganze stattfindet, wird später bekannt gegeben.

 

Eigentlich will ich nicht zu Fetterman. Ich bin auf dem Weg nach Dayton in Ohio. Dort steht die Senatswahl Spitz auf Kopf. Eigentlich ist Ohio «rot», will heissen republikanisch, aber der republikanische Kandidat J.D. Vance und der Demokrat Tim Ryan liegen in den Umfragen gleichauf. Am Montagabend um 8 Uhr wird Donald Trump mit Vance auftreten, auf dem Flughafen in Dayton. Das liess sich leicht erfahren, aus der Zeitung und aus Trumps E-Mail-Fluss. Da will ich hin. Fetterman ist ein Beifang.

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Am TV im  fleabag-Hotel läuft ein anderer Trump-Auftritt, live. Der Caudillo ist auch in Pennsylvania, in Latrobe, auch am Flughafen, auch im Wahlkampf. Latrobe ist drei Stunden weg, keine Chance, dort noch rechtzeitig hinzukommen. Also Fernsehen. Eigentlich geht es um die lokalen republikanischen Kandidaten, Mehmet Oz für den US-Senat, Doug Mastriano als Gouverneur, den Kongressmann Mike Kelly. Aber Trump spricht über sich. Eine Stunde sehe ich live, in den Nachrichten heisst es, er habe zwei Stunden geredet. Das übliche: Die Trump-Präsidentschaft war ein unerhörter Erfolg, keine Inflation, nirgendwo Krieg, ISIS besiegt, die Kriminellen aus El Salvador dorthin zurückspediert, wo sie hergekommen sind – gell, Kelly. Ist Oz hier nicht derselben Meinung? Trump nennt die Kandidaten beim Nachnamen, wie ein Offizier (er war nie im Militär). «Gutsherrenart», nennen es die Deutschen. Verliert Oz seinen Vornamen, weil er ein Türke ist (geboren in Cleveland, gedient in der türkischen Armee) und Mehmet heisst? Trump nennt seinen Vorgänger Obama genüsslich «Barack Husein».

Drei Dinge bleiben haften. Erstens spricht der Donald Trump von 2022 kohärenter als jener von 2020. Der Mann macht ganze Sätze in einer gewissen Abfolge. Wer sich ausschliesslich an der Jimmy-Kimmel-Spätabendshow orientiert, erhält den falschen Eindruck. Zweitens stellt Trump ’22 die Lage des Landes noch schlimmer dar als die früheren Modelle. Amerika ist ein Jammertal. Verbrecher überall. Illegale Einwanderer, die sengen, morden und vergewaltigen, «Tiere», denen von den Weicheiern in der Justiz kein Haar gekrümmt wird. Auch republikanische Weicheier – Feiglinge wie der eigene Justizminister Barr, der sich nicht getraute, der Bundespolizei auf die Finger zu klopfen. Amerika ist ein Polizeistaat. Die Wahlen sind gezinkt. Donald Trump wird kujoniert. Die Demokraten sind «Kommunisten», nicht nur «Sozialisten», wie vor zwei Jahren. Wer aufmuckt, kommt ins Gefängnis – aufrechte Bürger, die die Wahlverfahren kontrollieren, und «die Leute vom 6. Januar». Die Presse – schaut, dort hinten stehen sie – sind «Feinde des Volkes». Drittens ist Donald Trump ein Erlöser. Ein Wiederkehrer wie Jesus Christus, gekommen, um die Rechtschaffenen aus der Not zu befreien. Er tritt hier auf, müht sich ab. «Ich habe ein gutes Leben», sagt der 76jährige. «Warum tue ich das? Ich tue es für euch». Die Menge schreit. Four more years.

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Am Bildschirm werden der Menge Umfragewerte gezeigt: Biden weit hinten, Trump weit vorne. Der Auftritt ist Präsidentschaftswahlkampf. Noch ist die Kandidatur nicht erklärt, aber der Caudillo kokettiert. Soll er es jetzt gleich sagen? Nein, er will Oz und Kelly nicht die Schau stehlen. Aber «sehr, sehr, sehr bald» werden «alle sehr glücklich sein».

Biden und Obama waren auch in Pennsylvania. Auch mit Kandidaten. Auch, um den letzten Tropfen Wahlbeteiligung aus dem Anhang zu quetschen. Es kommt in den Nachrichten. Im Internet wird berichtet. Es geht um issues – Themen. Biden wird unter die Nase gerieben, dass er in Kalifornien gegen den Ausbau fossiler Brennstoffe eingetreten ist. Senator Joe Manchin, Demokrat aus West Virginia und Zünglein an der Waage gegen alles Grüne, ist betupft. Das Weisse Haus «erklärt». Die Klimaerwärmung und der Ausstieg aus den Fossilen ist in Pennsylvania kein Thema. Der Staat ist erste Sahne bei der Gewinnung von Erdgas. Fracking ist Trumpf.

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Nach Trump ab ins Restaurant. Hoffnung auf Stimmung, es läuft das sechste Spiel der World Series. Immerhin mit den Phillies, zwar Rivalen, aber doch aus Pennsylvania. An der Bar ist die Hose tot. Zwei enorme Männer mit Tätowierungen und starken Bärten unterhalten sich über Militärerlebnisse. Weiter unten versucht einer, mit der Serviererin anzubandeln, die kurz angebunden ist («bin seit sechs Uhr morgens hier, und allein»). Das Spiel wird durch Kaskaden von politischer Werbung unterbrochen: Oz lügt. Oz ist für balance und hat als Arzt nur das Beste im Sinn. Fettermann ist gefährlich. Fetterman ist verrückt.

 

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Die Phillies verlieren. Die Astros gewinnen die World Series.