In Kansas City ist das Tram gratis, auch der Bus. Das Tram ist ziemlich neu und verbindet die langsam aus der Verlotterung steigende downtown mit der Universität. Der Bus ist älter, fährt nur selten und fast nirgendwohin. Die schön und gross konzipierte Union Station erinnert an die Hochzeit des Eisenbahnwesens und die Vergangenheit der Stadt als Fleischerei der Nation, wo die Herden aus dem Westen zusammengetrieben, totgeschlagen und – per Bahn –  in die Steakhäuser weiter östlich verfrachtet wurden. Es gibt das einzigartige Negro Baseball Museum  und ein American Jazz Museum. Und das sehr berühmte Nelson-Atkins Kunstmuseum, benannt nach Herrn Nelson (Zeitungsverlag) und Frau Atkins (real estate), den Stiftern. Der Bloch-Neubau aus den neunziger Jahren bezahlt und benannt von Herrn Bloch, dem Gründer der Aktienhandelsfirma H & R Block. Dann haben wir das spektakuläre Kauffman Center für Musik, Tanz, Theater, gebaut Anfang des Jahrhunderts und  benannt nach Frau Kauffmann, Stifterin und Partnerin eines Pharma-Zaren. Die Kauffmans haben auch die Kansas City Royals ins Leben gerufen, Sieger der World Series 2015. Wer 36 Grad Celsius verträgt und sich einen 20-Dollar-Plastikbecher Bier leisten will, kann die aktuelle Version im Kauffman Stadium in Aktion sehen. Im Arrowhead Stadium daneben läuft noch nichts. Die Kansas City Chiefs, Eigentum der Familie Hunt (Oel), haben die Saison noch nicht begonnen. Im Gespräch ist ein Stadionneubau, hunderte Millionen Dollar, die Hunts verhandeln mit den Behörden über eine Verlegung aus Missouri nach Kansas ( (Kansas City liegt auf der Grenze zwischen den beiden Gliedstaaten), mit entsprechend hohem Einsatz von Steuergeldern.

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Kansas City “bietet” vielerlei, um in der Sprache der Standortbroschüren zu reden. Wir liessen das Angebot liegen und gingen einkaufen. Bei Costco. Costco ist ein rasant wuchernder Grosshändler, der ausgewählte Produkte zu tiefen Preisen anbietet. Bei Costco kann nur einkaufen, wer die 50-Dollar- “Mitglieds”-Karte erwirbt. Dafür kriegt er gute Qualität billig: Hörgeräte, Fernseher, Computer, Autoreifen, Autoversicherung, Automiete, Ferienreisen, Haferflocken, Fleisch, Fisch, Gemüse, Früchte, Unterhosen, T-Shirts, Turnschuhe. Und das Costco chicken – eine Rotisseriehenne zu 4 Dollar 99, gross genug, um eine Familie zu füttern, wenn man darauf verzichtet, Genaueres über den Mastprozess zu erfahren.

Bei Costco ist nicht alles erhältlich. Aber einige der herausragendsten Erzeugnisse amerikanischer Ingenuität sind dort zu haben. Zum Beispiel die Käsescheiben von Kraft, die gelben, individuell in Plastik verpackt. Kraft Singles. Sie sind unerreicht, wenn es um die Herstellung von grilled cheese sandwiches geht. Grilled cheese sandwiches sind das amerikanische Pendant zum eidg. Chäsbrägu, aber eleganter in der Handhabung, weniger fuerig, etwas leichter in der Textur, schlanker in der Anmachung,ganz zu schweigen vom Optischen, das Auge isst ja mit. Die singles können auch ohne weitere Zubereitung verzehrt werden, sozusagen im Evaskostüm. Sicher, Westeuropäer, die kulinarisch etwas auf sich halten, rümpfen die Nase. Wer zwischen mehreren Arten Olivenöl zu unterscheiden weiss, kann sich extensiv über die Minderwertigkeit amerikanischer processed foods unterhalten, die daraus resultierende Fettleibigkeit der Konsumenten, etcetera. Pedanten weisen darauf hin, dass Kraft selber seine singles nicht als “Käse” bezeichnet, sondern als cheese product, was auf ein Manko an reinrassiger Kaseinität hinweise. Was solls? Kraft Singles sind im wesentlichen Schmelzkäse, und wenn der Käsegehalt nicht ganz den Normen irgendwelcher Käsebürokraten entsprechen sollte, tut es dem Geschmacksgefühl keinen Abbruch. Wenn es aussieht wie Schmelzkäse, riecht wie Schmelzkäse und schmeckt wie Schmelzkäse, dann ist es Schmelzkäse. Abgesehen davon, dass Schmelzkäse ohnehin eine Schweizer Erfindung ist, Walter Gerber 1911. Sein “Tigerkäse” aus Langnau im Emmental wird wohl auch seine unkäsigen Zutaten enthalten haben. Näher zu eruieren wäre, weshalb James Lewis Kraft, der Gründervater, sein Verfahren für processed cheese fünf Jahre später, 1916 in den USA zu patentieren vermochte und Herr Gerber auf dem nordamerikanischen Markt offenbar leer ausging. Kraft, Spross einer Täufersekte in Kanada und im Alter von 28 Jahren in die USA eingewandert, blähte sein Unternehmen zu einem der grössten Nahrungsmittelproduzenten auf.

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Zurück zu Costco. Die 96-Scheiben-Packung Kraft Singles kostet dort 9.99 Dollar. Plus tax (in den USA ist der angeschriebene Preis nie, was der Käufer tatsächlich zahlt – das Schweizer Militärdepartement macht die Erfahrung zurzeit). Bei Migros Online liegen 10 Scheiben “Gerber Toast Schmelzkäse” bei 4 Franken 55. Das ist ein Unterschied, und die Frage stellt sich, ob das in Bern ersehnte Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten hier Abhilfe bringen könnte. Wird der Handel mit dem Caudillo den Schweizern Costco ins Land bringen? Costco ist neben den USA auch in Kanada und Mexiko (Freihandelspartner) sowie in Grossbritannien (Trumps Pudel) und – hear hear – Frankreich aktiv.

 

Es ist Sonntag. Die Ereignisse überschlagen sich. Trump gewinnt auf allen Fronten. Soeben hat der Oberste Gerichtshof entschieden, dass die Urteile von Bundesrichtern auf Distriktsebene nicht landesweit, sondern nur im betroffenen Distrikt gelten. Die Versuche, Präsidialedikte durch Urteile in gut ausgewählten Jurisdiktionen auszuhebeln, sind vom Tisch. Was die Angriffe auf Irans Atomanlagen unter dem Strich gebracht haben, ist ungewiss (“vollständige Zerstörung”, vs. “mehrere Jahre zurückgeworfen” vs. “Wiederaufnahme der Aufbereitung bald möglich” vs. “unsicher, wo das angereicherte Uran ist”), aber Reporter, welche die präzise Ermittlung der Schäden erfragen, werden von den Regierungsvertretern als undankbare Besudler der Uniform und Verräter an der schimmernden Wehr beschimpft. Der veröffentlichte Diskurs verschiebt sich auf die erhoffte Chance auf Diplomatie und “Frieden”. Fox News spricht vom Friedensnobelpreis für den Caudillo. Ein Artikel in der Zeitung befasst sich mit der Erweiterung von Mount Rushmore. Ein anderer mit der Möglichkeit, dass Trump jr. das Erbe antritt. Wie in Nordkorea. Der Caudillo mausert sich vom Westentaschendiktator lateinamerikanischen Zuschnitts zum Imperator römischen Zuschnitts, spätes Rom.

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Vom Tisch ist Gaza. Die Aushungerungspolitik der israelischen Regierung ist kein Thema. Die regelmässigen Tötungen an den israelisch-amerikanischen Nahrungsverteilstationen werden unter “ferner liefen” abgebucht. Es gibt Ablehnung und Widerstand. Wir waren Gast in einem Haus, dessen Eigentümerin ein Schild in den Vorgarten stellte: “Stop Genocide – no US arms to Israel”. Ihre Freundin – anderer Meinung, man redet nicht über das Thema – machte einen Witz: Warum nicht ein Schild “Gaz-a-Lago” danebenstellen?

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Gaz-a-Lago: wie Trumps Wohnsitz Mar-a-Lago in Florida. Gaza ist ein Stück real estate, das für development vorbereitet wird. Die alten Mieter müssen weg, damit abgerissen, neu gebaut und bewirtschaftet werden kann.