Tucumcari/New Mexico, population 5278, gegründet 1901 als Barackenlager für die Arbeiter der Pacific Railroad. Flaches Land, brush, Vieh, ein Tafelberg. Der Name kommt von den Comanche-Indianern, «tukanukaru», was «im Hinterhalt lauernd» heisse. Die Comanche waren gefürchtet, weil sie grausamen Widerstand gegen die langsame Ausrottung leisteten – eine Art Hamas des 19. Jahrhunderts.
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Tucumcari liegt – sein heutiger Vorteil – direkt neben der Autobahn 40 und – vergangene Glorie – an der historischen Route 66. Vor dem Bau des Interstate-Netzes war Route 66 die beste Verbindung zwischen Chicago und LA, wie Nat King Cole glaubhaft versicherte. Get your kicks on Route 66. Von der Glorie zeugt ein halbes Dutzend alter Motels, eines abgeblätterter als das nächste, in der einzigen offenen Bar fragt die Dame kaum ist die Bestellung aufgenommen: “Doin’ Route 66?”. Der Fremde hat sich durch seinen Akzent verraten, er verrät sich überall durch den Akzent, selbst im eigenen Land. Route 66 ist ein Mekka für Amerikaromantiker aus Europa, vielfach Harley-Davidson-Fahrer. “Wir haben mehr Route-66-Touristen aus Europa als aus Amerika”, sagte die Dame im “Visitor Center” in Joplin/Missouri. Fahren die Amerikaner auch Harleys? “Nein. Die sind zu teuer”.
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An der Bar in Tucumcari sitzt Julio. Wir gucken Fussball, Dortmund gegen Monterrey, Klub-WM der Fifa. Ein Grottenkick, der BVB müsste verlieren und gewinnt 2:1. Wir sind uns einig, es war unverdient. Julio freut sich auf die richtige Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Für wen ist er? “Mexiko. Ich kam mit zehn Jahren hierher, ging hier zur Schule. Deshalb kann ich so gut Englisch”. Julio hat auch einen Akzent.
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Julio ist auf Montage hier, aus Albuquerque gekommen, zweieinhalb Stunden Fahrzeit, Arbeitsbeginn 7 Uhr morgens. Er montiert “Tesla-Dächer”. Solarzellen, direkt in die Ziegel eingebaut, nicht auf das bestehende Dach montiert. Mit dem Tesla-Dach wird ein Gebäude gleich neu gedeckt. “Das ist teurer, aber es sieht besser aus”. Das Geschäft laufe gut, sagt Julio. Eine Anlage werde mit 20 000 Dollar Steuerabzug subventioniert, für den Rest organisiere Tesla den Kredit. Man liefere auch Batterien. Solarenergie rechne sich, vor allem auch, weil Tucumcari oft an Stromausfällen leide. Und jetzt? Die Regierung lässt es nicht damit bewenden, die Steuervorteile für erneuerbare Energie wieder abzuschaffen. Vor dem Parlament liegt eine neue Solar-Sondersteuer: Wer Komponenten aus China verbaut, soll damit bestraft werden. Das Tesla-Dach werde in den USA hergestellt, sagt Julio. Aber der Subventionsabbau? “Nicht gut”, sagt Julio. Elon Musk, der Tesla-Besitzer, läuft Sturm gegen die Trump-Steuervorlage vor dem Kongress. Aber Elon Musk war bis vor kurzem auch Trumps Staatsabbauer, Chef der neu (ohne Zutun des Parlaments) geschaffenen Behörde, die links und rechts Staatsangestellte entliess, Büros schloss, normalerweise vertrauliche Daten beschlagnahmte und zentral sammelt – nicht Gott weiss wo, sondern in der Firma Palantir, gesteuert von Peter Thiel, einem Chefideologen des Trumpismus. Soeben wurde die United States Agency for International Development formell geschlossen, die letzten 700 Angestellten mussten ihre Schreibtische räumen. Das ist ungefähr so, wie wenn in der Schweiz die “Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit” (DEZA) innert einem halben Jahr vollständig abgewickelt und die Büros in Zollikofen geschlossen würden. Ohne Zutun des Parlaments.
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Elon Musk wird in den USA gehasst. Die Tesla-Autoverkäufe brechen ein, die Aktie sinkt. Ich hatte meinen eigenen kleinen Tesla-Moment in einem Kleiderladen in Overland Park/Kansas. Die Mietwagenfirma wollte uns einen Tesla anbieten, mein Gegenüber war dafür, ich mit einem zugegeben ideologischen Argument dagegen. «Ich fahre nie und nummer mit einem Auto von Elon Musk». «Du bist verbohrt». Drei Reihen weiter hob eine Frau den Kopf aus dem Regal, blickte mich an und sagte: you are right. Das tat gut.
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– Hörst Du manchmal Bemerkungen über Musk, wenn Du als Tesla-Dach-Mann auftrittst?
– Nie von den Leuten, die das Dach wollen. Die sind am Dach interessiert. Aber auf der Strasse kriegst Du den Finger, wenn Du mit dem Tesla vorbeifährst.
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Erneuerbare Energie. Die Biden-Regierung hatte in ihrer Inflation Reduction Act grössere Subventionen für klimafreundliche Energien (und auch für Öl- und Gasförderung) durchgesetzt. Die Trump-Regierung macht alles rückgängig, was irgendwie nach Klima riecht (in amtlichen Texten ist der Begriff “Klimawandel” verboten). Im Durchschnittstrumpismus gehört es zum guten Ton, sich über elektrische Autos lächerlich zu machen. Der Augustulus im Weissen Haus lässt sich über die Hässlichkeit von Windturbinen aus. Aber es kann sein, dass die in Dollar und Cent ausgedrückte Vernunft stärker ist als die Ideologie. Die Fahrt nach Tucumcari durch die Texas panhandle führte an ausgedehnten Windturbinenanlagen vorbei, noch grösser und zahlreicher als jene in Deutschland. Texas, bis ins letzte Fitzel republikanischrot, ist der grösste und am schnellsten wachsende Produzent von Wind- und Sonnenenergie der Vereinigten Staaten.
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Es ist Dienstag. Das Radio verkürzt die lange Fahrt durch New Mexico. Die Landschaft sieht genau so aus wie die grossen Wandmalereien, welche früher die Spanischen Weinhallen in der Schweiz schmückten. Das Radio verkürzt die stundenlange Fahrt. National Public Radio, der Sender der Gutgesinnten, dreht endlose Pirouetten über das prophezeite Elend der Trump-Steuerreform. Fox News geifert gegen den Kommunisten in New York City. Das ist Zohran Kwame Mamdani, der in der Vorwoche die Vorwahl der Demokraten für das Bürgermeisteramt gewonnen hat. Ein freundlich daherkommender junger Mann, Jahrgang 1991, Bart, geschliffene Ausdrucksweise, auf jede Frage die Antwort im Köcher, Schwiegermutterschwarm. Mamdani ist die linke Antwort auf Vizepräsident J.D. Vance, ohne die aufgedunsenen Backen und den stieren Blick. Einwanderer, ein Inder aus Uganda, von drei Jahren im Gliedstaatenparlament abgesehen ohne grössere politische Erfahrung. Muslim. Das ist alles unüblich, aber nicht ganz ungewohnt. Doch Mamdani ist auch «Sozialist» oder «Demokratischer Sozialist». Und er entschuldigt sich nicht dafür. Das bringt den politischen Betrieb aus der Spur, nicht nur rechts von der – im übrigen nicht mehr existierenden – Mitte. Im Interview mit CNN – nicht rechts, aber systemtreu – stellte die Fragerin die Gretchenfrage: «Mögen Sie den Kapitalismus?». Mamdani sagte not really. Die CNN-Dame war sichtlich perplex ob so viel Verwegenheit. Ein paar Tage später wurde Mamdani gefragt, was er gegen Milliardäre habe, und er antwortete: «Es sollte keine Millardäre geben». Beides machte nationale Schlagzeilen.