Lieber R.,
Bist Du am 1. August gewesen? Ich ging gestern Abend hin (in unserer Gemeindel feiern sie schon am 31. Juli) und habe heute zum ersten Mal in meinem Leben eine Schweizerfahne aufgezogen. Extra – nur um zu zeigen, dass man nicht bei der Volkspartei sein muss, um als Schweizer durchzugehen.
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Schuld daran ist Werner Salzmann. Er war der Festredner. Berner Ständerat, SVP, Jahrgang 1962, aus dem Gurtendorf, das wir beide kennen. Steuerbürokrat, Oberst im Militär, war schon als Soldat bei uns im Dorf, wusste, dass es einen Leuen (geschlossen) und einen Bären (abgerissen) gegeben hat. Dieser Werner Salzmann hat uns also zum 1. August gesprochen, nach dem Jodlerklub und der Rangverkündigung der Kinderwettbewerbe, die genügend Zeit in Anspruch nahmen, um eine Bratwurst (5 Franken, mit Pommes – take that, Bern) intus zu kriegen. Die am Mitgliederschwund siechende Musikgesellschaft war nicht da, leider. Sie haben “Gruss an Bern” immer so gut vorgetragen.
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Die Rede. Eine 1.-August-Rede ist wie ein Cervelatsalat: Es gibt zwei Hauptzutaten – dort die Wurst und der Hartkäse (muss nicht Greyerzer sein) – da Ergriffenheit über die Gnade der Geburt (“wie gut, dass wir Schweizer sind”) und Stolz auf die Dinge, für die niemand etwas kann (das Matterhorn, die schöne Landschaft, das Schweizersein) , angerichtet an der Sauce des Patriotismus. Auch “spezial” serviert – im einen Fall mit Büchsenmais, Büchsenspargeln, Selleriesalat, Cornichon, im andern mit einem Schuss Parteipolitik, dem Verweis auf die aus dem Ausland kommende Arglist der Zeit, oder Ermahnungen zum Bürgersinn. Kaum je Humor. Humor, weil unseriös, passt nicht zu einem 1.-August-Redner.
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Wie zu erwarten, war Werner Salzmann humorfrei. Das war aber das einzige, was der alten Rezeptur folgte. Der Rest war nouvelle cuisine aus Amerika: Volle Pulle drauf, die Agenda der eigenen Partei immer schwarzsechs im Visier, Schnellfeuer auf die Scheibe. Möglich, dass nicht der fremdländische Augustulus im Weissen Haus rhetorisches Modell stand, sondern der Heiland in Herrliberg oder ein «Kommunikationsbüro» in Zürich die speaking points durchgegeben hat: Nichts anbrennen lassen, den Propagandaaugenblick bis zur Neige auskosten, die anstehenden Volksentscheide nie aus dem Auge lassen.
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So oder so zeigte Herr Salzmann sich als gelehriger Schüler. Von A bis Z on message. Die erste Halbzeit ritt er auf der Neutralität herum, der immerwährenden, bewaffneten, schon auf dem Rütli praktizierten (ein alternative fact). Kurz wurde der Rüstungsbedarf gestreift (dä flüüger bruche mer), auch die Kampf- und Kriegsbereitschaft der Jugend (heimerse no?), bevor der Redner wie der Torero beim Stich in den Nacken zur kommenden Abstimmung über die «Neutralitätsinitiative» ansetzte: Wir werden abstimmen können über die Neutralität. Jeder von uns. Wir sollen daran denken, was hier gesagt worden ist. Jeder von uns. Es geht um die “ “Neutralitätsinitiative”, lanciert von der schweizerischen Version des Trumpismus.
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Den zweiten Teil seiner Oration widmete Werner den neuen Verträgen mit der Europäischen Union. 20 000 Seiten EU-Recht müssten von der Schweiz übernommen werden, sagte er. Gift für “die KMU”, denn die Kantone hätten nichts zu sagen, der EU-Gerichtshof werde über die Auslegung bestimmen. Sagte er. Lakaien” werden wir sein, sagte er. “Nur ein” Beispiel nannte er: Eine 1. August-Feier wie diese hier werde nicht mehr stattfinden können, denn in Zukunft dürften nur noch “zertifizierte” Betriebe Ausschank und Verzehr von Nahrungsmitteln besorgen. Sagte Werner S., und auf der Nebenbank kam die Botschaft vernehmlich an. “Zertifiziert” geht gar nicht. Hat Werner recht, würde bedeuten, dass das “Fürobepikett” keine Würste mehr grillieren, keine Pommes Frites mehr sieden dürfte, vielleicht auch der Altersheimbasar oder der Süssmosttag zu streichen wäre, weil die Landfrauen ihre chüechli und schlüferli nicht mehr anbieten könnten. Armageddon der letzten Reste des Dorflebens.
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Es ist nicht ausgeschlossen, dass Werner ein bisschen recht hat. Der EU-Kommission ist viel Unsinn zuzutrauen. Einer der letzten ist die Vorschrift über die Flaschendeckel. Sie müssen neu an der Flasche hängenbleiben, was eventuell eine grüne Seele in Brüssel in Schwingungen versetzt, aber mit Sicherheit Millionen von Konsumenten verärgert. Soweit ersichtlich, ist der dumme Ukas in der Schweiz auch ohne bilaterale Verträge gültig, aber die Salzmanns dieser Welt lieben es, Brüssel als Beelzebuben hinzustellen. Das geschieht überall in Europa. Eigenartigerweise liess der gelehrige Werner den anderen Zug der schweizerischen Eigenart aus, nämlich die nonchalante Dickköpfigkeit, das leicht Anarchistische, das sich darin ausdrückt, dumme Vorschriften schlicht nicht zu beachten.
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Geschenkt. Jeder hat Anrecht auf 15 Minuten im Rampenlicht, und sei es nur in der Festhütte neben unserem stillgelegten 300-Meter-Schiessstand. Doch müsste eine 1. August-Ansprache bei aller Rücksicht auf den Augustulus in Washington, den Heiland in Herrliberg und die Kommunkationsbüros in Zürich nicht doch auch ein wenig das Genie der Schweiz zelebrieren? Es liegt darin, dass die Extreme es nie ganz oben hinaus schaffen, sondern eingebunden werden in zähflüssigen Ausgleich und den Dialog der meisten mit den meisten. Werner Salzmann versteht das offensichtlich nicht. Er sagte das exakte Gegenteil. Seine Schweiz ist die Schweiz der Büffel, die nur als schweizerisch gelten lassen, was sie als schweizerisch erkennen. Auf der Linie des einstigen Berner Bundesrats Gnägi, der irgendwann im vergangenen Jahrhundert in eine Festhütte röhrte: “Möge es uns vergönnt sein, alles Unschweizerische auszumerzen».
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Vor einiger Zeit war es Mode, den 1. August als eine Art quatorze juillet abzufeiern. Das war schräg. Noch schräger ist es, dem Feiervolk am 1. August seine Parteiparolen für die kommenden aufs Auge zu drücken. Es ist, um mit Gnägi zu reden, «unschweizerisch». Vom Ausmerzen reden wir nicht. Das haben andere vor uns versucht, mit schlechtem Ausgang. Aber heute habe ich die Schweizer Fahne gehisst – nur um zu zeigen, dass auch dazu gehört, wer sich nicht zur Schweiz der Büffel gesellen möchte.