In meinem Schweizer Domizil gibt es keine Tageszeitung. “Der Bund” ist ein Nischenblatt für die Hauptstadt Bern, die “Berner Zeitung” – ein Produkt aus Zürich – unterhält keine Redaktion in der Gegend und berichtet dementsprechend nicht darüber, was läuft und Sache ist. Einzige Quelle ist der “Unteremmentaler”, der die Chronik der Vereine, der Gewerbebetriebe und der Sportvereine nachführt, richtigerweise mit dem Schlittschuhclub Langnau als führende Leitkuh, und auch notiert, was sich in den Gemeinden tut. Ich bin seit neuem Kolumnist – hier der erste Beitrag.
Wer neu ist, stellt sich vor. Also: Gestatten, Aeschlimann. Halbrentner. Teilzeitlotzwiler. Aktiv bei den alt-Blechsaugern und bei der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik. Politische Verortung: In keiner Partei, war für Abschaffung des Eigenmietwerts, werde für den “Service Citoyen” stimmen, liebäugle mit der Erbschaftssteuer. Zur Schreibe: Ich benutze das generische Maskulinum, ab und an das grosse Gender-I, nie den Schreibroboter, immer Hochdeutsch.
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Los geht’s. Heute: ein Müsterchen zum Thema “angewandter Anti-Trumpismus”. Ort der Handlung: Deutsche Bahn, ICE 279 Berlin-Basel. Der Zug wie gewohnt im Verzug, eine knappe Stunde Verspätung (in Frankfurt fehlte das Personal), die Anschlüsse im Badischen Bahnhof werden verpasst. Die Personen: Eine Matrone, Typ resolute Concierge aus dem Volkstheater. Eine aparte Dame mit kleinem Gepäck, beide sitzend. Ein Mann mit osteuropäischem Akzent, mittleren Alters, auf der Treppe,. Ein älterer weisser Mann, auch mit Akzent, nach zwei Worten als Schweizer erkannt. Die Szene spielt am Ausgang von Wagen 6, kurz vor der Ankunft.
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Matrone: “Unerhört. Was erlauben die sich eigentlich? Eine Stunde Verspätung. Denen schreibe ich am Montag einen Brief, der sich gewaschen hat. Ich will mein Geld zurück”.
Dame: “Na, so schlimm ist es nicht. Wir kommen ja weiter.“
Matrone: “Ich werde abgeholt. Meine Leute müssen warten. Unglaublich. Diese Versager. Denen schreibe ich aber einen Brief”.
Dame: “Sie sollten sich nicht aufregen. Das ist ungesund”.
Matrone: “Ich will mich aufregen. Wenn ich mich nicht aufrege, werde ich krank. Diese Gauner. Ich schreibe einen Brief”.
Mann mittleren Alters: “Wir brauchen einen, der durchgreift und mal auf den Tisch schlägt. So einen wie Trump brauchen wir”.
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An diesem Punkt trennt sich die Spreu vom Weizen. Es unterscheiden sich Mann und Bube, “the boys from the men”, wie die Amerikaner sagen. Trump geht gar nicht. Der ältere weisse Mann (ÄwM) nimmt das Wort.
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ÄwM: “mir ist es lieber, wenn der Zug eine Stunde zu spät ankommt, als dass wir einen Trump in Deutschland haben”.
Dame: “Da haben Sie recht”.
Mann mit dem osteuropäischen Akzent: “Denen gehört eins auf die Pfoten. Durchgreifen”.
Matrone: “Die erhalten hohe Gehälter und werden beim Abgang noch vergoldet, obwohl sie die Bahn an die Wand gefahren haben. Denen schreibe ich einen Brief, er sich gewaschen hat”.
ÄwM kehrt den Schweizer heraus: “Jene Vergütungen sind nicht das Problem. Bei der Deutschen Bahn wurde versäumt, genug zu investieren. Deutschland ist eben ein Autoland. In der Schweiz hat man es nicht so gemacht, deshalb funktioniert die Bahn besser”.
Matrone: “Die Autobahnen sind auch veraltet. Denen schreibe ich einen Brief”.
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Eine belanglose Begebenheit. So belanglos, wie die Antwort, welche die Matrone auf Ihren Brief erhalten wird: “… herzlichen Dank für Ihre Zuschrift…sind uns bewusst, dass die Verspätung im ICE 279 Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet hat… nehmen Ihr Anliegen ernst… bitten um Entschuldigung….setzen alles daran …”
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Eine Begebenheit, so belanglos wie bezeichnend. Je weniger in der Dienstleistungsgesellschaft die Dienstleistungen für das gewöhnliche Volk stimmen, desto verlockender sehen die Trumps dieser Welt aus. Und desto leichteres Spiel haben die Trumpisten. Das Italien von Benito Mussolini – Ehrendoktor der Uni Lausanne – wurde einst gerühmt, weil die Züge wieder pünktlich fuhren.