Terre Haute am Wabashfluss in Indiana ist bekannt für die Bundeshinrichtungskammer, wo die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Todeskandidaten exekutieren lässt. Doch nicht ihretwegen haben wir in Terre Haute Station gemacht,  sondern wegen Eugene Debs. Das war der Gründer und erste und bis anhin erfolgreichste Präsidentschaftskandidat (6 Prozent Stimmenanteil) der Sozialistischen Partei der USA. In Terre Haute kann man sein Haus besichtigen. Sonst ist nicht viel sight zu sehen. Wie die meisten mittelgrossen Städte des Mittleren Westens ist Terre Haute (60000 Einwohner, Agglo 160000) ein aus niedrigen gestreutes Ensemble aus Backsteinbauten, alten Fabriken, leeren Flächen, breiten Strassen. Es gibt ein Kunstmuseum und ein altes Theater. Keine Hochhäuser.

Debs’ Haus liegt als kleine Enklave der Vergangenheit zwischen den Parkfeldern und Schulkomplexen der  Indiana State University. Ein stattlicher Bau, clapboard-Holzverschalung, zweistöckig mit ausgebautem Estrich und gedeckter Terrasse. Debs, Jahrgang 1855, hatte es 1890 mit 35 Jahren bauen lassen, fünf Jahre nach der Vermählung. Für damalige Verhältnisse sei es ein Heim weit über dem Durchschnitt gewesen, sagt Alison, die durch die Zimmer führt. Upper middle class. Debs habe damals als Gewerkschaftssekretär 3000 Dollar im Jahr verdient, das Haus habe 4800 gekostet, das Ehepaar habe eine Hypothek aufgenommen. Und offensichtlich eine erhalten. Bei heutigen Gewerkschaftssekretären ist das nicht unbedingt so, vor allem nicht mit 35 Jahren.

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Nicht schlecht für einen Klassenkämpfer, und dem jungen Eugène nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Die Eltern waren aus Colmar im Elsass eingewandert, er protestantisch, sie katholisch (in Amerika ging man nicht in die Kirche), die Familiensprache war Französisch. Vater Debs arbeitete in der Schweineschlachterei, und als er den Job nicht mehr ertrug, brachte sich die Familie mit einem Ladengeschäft durch. Mit 14 Jahren musste Eugene arbeiten gehen, zuerst als Kohleschaufler bei der Eisenbahn, dann als Bürolist beim lokalen Händlerfürsten Hulman, bald einmal als Sekretär einer der Eisenbahngewerkschaften, die damals als handwerkliche “Bruderschaften” organisiert waren. Mit der Zeit kam Debs zur Überzeugung, dass die Arbeiter nicht nach Handwerken, sondern nach Industriebranche zu organisieren seien und Streik als Kampfmittel gegen die Grossunternehmer legitim sei. 1894 engagierte er sich im Arbeitskampf gegen den Eisenbahnbaron Pullman, dessen Betrieb quasi landesweit lahmgelegt wurde. Die Bundesregierung schickte Truppen, der Streik wurde wegkartätscht, 30 Arbeiter kamen ums Leben, und Eugene Debs landete als Aufwiegler im Gefängnis. Dort las er sozialistische Literatur und vor allem “Das Kapital” von Karl Marx. So wurde der Sozialist Eugene Debs geboren, der nun über den gewerkschaftlichen Kampf hinaus den politischen Kampf für einen Wandel des “Systems” führte. “Er ging als Gewerkschafter ins Gefängnis und kam als Populist heraus”, sagt Alison. Im ersten Stock des Hauses ist “Das Kapital” zu besichtigen, das den Unterschied herstellte. Auf dem Schreibtisch von Frau Debs im Treppenhaus liegt auch eine Kopie.

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Debs wurde zum Parteigründer der amerikanischen Sozialisten und später zum Gründer der Industrial Workers of the World  – den “wobblies”, von denen er sich später absetzte, weil sie die Beteiligung an Wahlen für sinnlos erklärten und mehr auf Dynamit, die gewalttätige “direkte Aktion”,  setzten. Das war nicht seins – Debs war viermal Präsidentschaftskandidat der Sozialisten. Es war jedoch weder die gewerkschaftliche noch die politische Tätigkeit, die ihn erneut hinter Gitter brachte. Als Präsident Wilson die USA in den Ersten Weltkrieg schickte, sprach Eugene Debs – anders als beispielsweise die deutschen Sozialdemokraten – gegen die Kriegsteilnahme und forderte öffentlich zur Dienstverweigerung auf. Das war der freien Rede zu viel. Er wurde als Aufrührer angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Seine letzte Präsidentschaftskandidatur im Jahre 1920 führte er als Convict No. 9653. Ansteckknopf und Plakat sind ausgestellt.

Das alles erzählt Alison, während wir durch Wohnzimmer, Esszimmer, Gästezimmer, Schlafzimmer und das Zimmer für die Haushalthilfe streifen. Auf dem Schreibtisch, eine schön intarsierte Arbeit der Mitgefangenen in der Bundeshaftanstalt Atlanta, liegt eine Ausgabe von “The Jungle” mit Widmung von Upton Sinclair, einem Freund. Im Büro hängt die Photo von Bruder Theodor Debs, dem Sekretär,  an der Schreibmaschine. Nach Themen beschriftete kleine Fächer enthielten  die Broschüren und Pamphlete, die Debs in ganz Amerika verschickte: “Gefangenenarbeit”, “Freiheit”, etc.

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Eugene Debs sei “kein Revolutionär” gewesen, sagt Alison. Mit den lokalen Honoratioren von Terre Haute  sei er ut ausgekommen. Sein alter Patron Hulman habe sich für seine Freilassung aus dem Gefängnis eingesetzt (Präsident Wilson verweigerte sie, der Nachfolger Harding liess Debs frei). Ein Hulman habe sich in den siebziger Jahren für die Erhaltung des Debs-Hauses mit engagiert und die damals gegründete Stiftung unterstützt.

Eugene Debs starb 1926. Die Sozialisten serbelten weiter, verschwanden aber als ernst zu nehmende Organisation. Debs wurde zur Fussnote der US-Geschichte. Heute ist ein Lebenszeichen erkennbar. Mit den Präsidentschaftskandidaturen von Senator Bernie Sanders aus Vermont haben die Democratic Socialists an Aufmerksamkeit gewonnen. Zuvor hatten sie rund 6000 Mitglieder. Seither sind es 100 000. In den meisten Wahlen stellt die Partei Kandidaten, gerade hat sie mehrere Vorwahlen gewonnen, ihr prominentester Erfolg ist die Wahl des jungen Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York.  Schlägt sich so etwas  an 451 North 8th Street in Terre Haute nieder? Gibt  es noch – oder wieder – Interesse an der Figur Eugene Debs? Bei unserem Besuch sind wir zu zweit, der andere ist ein Finne. Aus Europa kämen etwa gleich viele Besucher wie aus den USA, sagt Alison, die Amerikaner vor allem aus dem Mittelwesten und dem Nordosten. Sie beobachte in jüngerer Zeit “eine Welle von Interesse” zu sehen: “In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Besuch verdreifacht”.

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Nach dem Museumsbesuch ist vor dem Gang ins Kaffeehaus. Dort kommen wir mit Kylie, schätzungsweise etwas unter vierzig, ins politische  Gespräch.  Wie sehen Sie die Lage vor den Zwischenwahlen?

– Ich bin Republikanerin und eine starke Christin.

– Das ist momentan nicht einfach, bei diesem Präsidenten-

– Ja. Aber wenn du dich einmal auf eine Anzahl Glaubenssätze verpflichtet hast, musst du dabei bleiben. Sonst zählt es nichts.

Zu Präsident Trump äussert sich Kylie nicht. Das Gespräch kommt rasch auf die Einwanderung und auf die Hatz gegen illegale Einwanderer. Für Kylie eine Frage der accountability, der Rechenschaft. Sie meint nicht die Rechenschaft der Einwanderungspolizei ICE (“es gibt überall faule Äpfel”), sondern jene der Illegalen, die “bestraft”, also ausgewiesen werden müssen. Egal ob sie Beruf, Familie, bezahlte Steuern vorweisen können. Sie möge das auch nicht, sagt Kylie, aber es müsse sein: “Wenn einer vor zwanzig Jahren eine Bank überfallen hat, muss er auch bestraft werden, wenn es heute herauskommt”. Von der accountability  kommt Kylie auf die Demokraten zu sprechen, die “offene Grenzen” wollten: “Sie sind korrupt. Sie sind Sozialisten”.

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Jetzt sind wir auch thematisch nahe beim Debs-Haus. Ihr Sohn, Teenager, sei vor kurzem heimgekommen und habe gefragt, was der Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus sei, erzählt Kylie. Sie habe ihm mit einem Gleichnis geantwortet. Da seien zwei Milchfarmer, einer faul und träg, der andere fleissig und unternehmungslustig. Im Kapitalismus komme der Fleissige vorwärts, verkaufe mehr Milch, stehe besser da, und der Faule eben nicht. Das sei das Beste. Im Sozialismus nehme der Staat von beiden die Milch, verkaufe sie und teile den Erlös auf beide gleichmässig auf. Im Kommunismus übernehme der Staat die Betriebe und befehle den Farmern, was zu tun sei.

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Ich wollte nicht rechten. Aber ich wollte wissen, wieso der junge Sohn ausgerechnet mit der Frage nach Sozialismus und Kommunismus heimgekommen sei. “Die Schule”, sagt Kylie. “Die anderen kids reden darüber”.