Wo ich herkomme, sind die Dorfrestaurants mehr und mehr in türkischer Hand und servieren Pizza. In den USA kommt der Part den Mexikanern zu. Wohin du schaust, triffst du auf eine cantina, taqueria, ein mexican restaurant, und wir reden nicht von den Fast-Food-Ketten à la Taco Bell (zurzeit im Gerede, weil verseuchtes Grünzeug aus Mexiko eine Durchfallwelle hervorruft). In Elmore/Minnesota, Herkunftsort des einstigen Präsidentschaftskandidaten Walter Mondale ist der Mini Market mit zwei Mexikanerinnen besetzt. An der State Fair  in Owatonna/Minnesota ist der Budenplatz mit mexikanischen Verpflegungsständen bestückt. In Dodge City/Kansas sind die mexikanischen Kneipen im Mexican Village das einzige, was mit der wildwestlichen Vergangenheit der Stadt verbindet. Die Schautafeln im Boot Hill Museum sind zweisprachig. Der Barbier, dessen Fertigkeit im Haareschneiden die Waage mit seinen Englischkenntnissen hält, ist aus Mexiko.

 

Die Regierung rühmt sich, sie habe «die Grenze zugemacht» und der Einwanderung den Riegel geschoben. Zahlen belegen es. Seit dem second coming von Donald Trump ist die Zahl der Zugewanderten drastisch zurückgegangen. Aber auf dem Weg von Texas nach Minnesota ist der Eindruck ein anderer. In den Ebenen des Mittleren Westens scheint eine stille reconquista im Gang – die Rückbesetzung der Gebiete im Südwesten der Vereinigten Staaten, die im 19. Jahrhundert zunächst zum spanischen Weltreich und nach der Unabhängigkeit zu Mexiko gehörten. Kalifornien, Texas, New Mexico, Utah, Nevada, Arizona und Stücke von Colorado, Oklahoma, Kansas und Wyoming – ein Riesengebiet von 1,3 Millionen Quadratkilometern – wurden 1848 den Vereinigten Staaten zugeschlagen, die einen Krieg vom Zaun gebrochen und mit eine Militärinvasion bis in die Hauptstadt Mexico-City vorgetrieben hatten. Spuren dieser hispanischen  Vergangenheit sind bei Dodge City sichtbar. Etwas westlich ausserhalb  der Stadt markiert ein Kreuz die Stelle, wo der Conquistador Francisco Coronado anno 1541 den Arkansasfluss überquerte. (er hatte Gold gesucht, und weil er keines finden konnte,  liess er seinen indianischen Führer El Turco garrotieren). Etwas östlich ausserhalb der Stadt steht ein kleiner Pavillon am Rand der Strasse. Er beschreibt den Santa Fé Trail, ein Karrweg von Santa Fé im heutigen New Mexico nach Franklin am Missourifluss. Seine Überreste sollen hier zu sehen sein. Entlang eines Bretterpfads sind links und rechts Spuren im Präriegras sichtbar, die mit viel gutem Willen und einer Prise Glaubenskraft als Karrengeleise genommen werden können.  Schautafeln sagen, dass der trail, ein alter Pfad der Indianer und Fallensteller, nach 1821 ausgebaut wurde, weil beide Seiten am Austausch interessiert waren – die Mexikaner in Nuevo Mexico, um die mit der Unabhängigkeit von Spanien gewonnene Handelsfreiheit zu nutzen und die Anglos aus den USA, um dem Drang der Siedler nach Westen Bahn zu brechen. 1848 wurde die Route für den Marsch der US-Truppen nach Mexico genutzt.

Im Pavillon schlägt ein älterer Mann die Brücke zu heute. Er sei in Dodge City aufgewachsen, und habe die trail-Spuren hier als Bub besucht, jetzt wolle er einmal sehen, «was sie daraus gemacht haben», erzählt er Wir geraten in einen kleinen Schwatz. Seine Familie habe im Mexican Village  gelebt, sagt der Mann. In der Schule sei er deswegen der «chicano» gewesen, der Mexikaner, obwohl er nie Spanisch gesprochen habe und kein Spanisch könne. Der Urgrossvater schon, der sei Ende des 19. Jahrhunderts aus Mexico nach Dodge City gekommen, «einer der ersten», der andere Urgrossvater kam aus Frankreich. Jetzt seien «80 Prozent der Leute in Dodge City Mexikaner» , sagt der Mann. Spanischsprachige. Das liege an der Fleischindustrie. Cargill und National Beef betreiben grosse Fleischereien in Dodge City, meat packing. Auf der Webseite stellt National Beef heraus, dass ihre Ware tiefgefroren bis nach Japan exportiert wird.

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Der Mann im Pavillon fragt, wie ich heisse und woher ich komme. «Johann», sagt er zum Grosskind, das zu uns getreten ist, «so heisst der Vater Deiner Freundin. Der kommt auch aus der Schweiz». Ein- und Auswanderung geben sich die Hand.

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Das Signal des Trumpismus lautet: Wir sind kein Einwanderungsland. Zu uns kann nicht jeder kommen. Aber dort, wo gelebt wird, ist Amerika weiterhin eine Einwanderungsgesellschaft. Zum ziemlich genauen Gegenteil der Schweiz. Dort ist man  – die politischen Büffel ausgenommen – beflissen, sich als Einwanderungsland zu begreifen, obwohl nicht wirklich Einwanderungsgesellschaft ist, wo gelebt wird. Ein Detail illustriert den Unterschied. In der Schweiz gehört es zu guten woken Ton, niemanden nach seiner Herkunft oder ethnischen Zugehörigkeit zu fragen, auch wenn Hautfarbe oder Gesichtszüge es einem auf die Zunge legen. Man schont mögliche Empfindsamkeiten ob eventueller Stigmatisierungen oder Stereotypen. In Amerika ist man diesbezüglich weniger diffizil, jedenfalls in meinem zugegeben beschränkten Gesichtsfeld. Das soll die Bedeutung der «Kulturkämpfe» um Sprache, Pronomen, Genderei, in den USA nicht hinunterspielen. Sie ist gross, die politische Rechte presst weiterhin Saft und Kraft aus Themen wie die Teilnahme von Männern am Frauensport (zurzeit Aufreger du jour im Frauenbasketball), Geschlechtsumwandlungen von sehr jungen Leuten und dergleichen. Aber wenn es um die Herkunft, die «Wurzeln», die Ethnie als solche geht, scheint der amerikanische Durchschnitt weniger befangen als der schweizerische.  Das hängt mit dem Selbstverständnis zusammen: In den USA ist die real existierende Einwanderung tief in die Gesellschaft eingewoben, in der Schweiz wird sie mühsam angelernt und als «Einwanderungsland» buchstabiert.

Bis zum Erscheinen der Trump-Administration wurde in Amerika mehr oder weniger stillschweigend akzeptiert, dass Einwanderung nicht bis auf die letzte Kommastelle reguliert und administriert werden kann. Ein wenig Beschiss war immer dabei: Der Europäer, der mit dem Touristenvisum einreist und einfach im Land bleibt, der Mexikaner, der ohne solches über die Grenze schleicht und sich durchzuschlagen beginnt, die Haushaltskraft aus der Karibik, die pro forma auf ein Arbeitsvisum wartet, das nie ausgestellt wird, sie alle gehören zur amerikanischen Arbeitswelt. Diese Einwanderung ist ein sozusagen osmotischer Vorgang, dem Regierungshandeln nur begrenzt Meister wurde. Die laufende Hatz der Trump-Einwanderungspolizei ICE auf «illegale Einwanderer» ist der letzte, rabiateste Versuch dazu, dessen Ausgang noch abzuwarten ist.

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Einwanderungsgesellschaft heisst nicht Willkommenskultur. Nicht alle Neuankömmlinge werden mit offenen Armen willkommen geheissen. «Hier sind sie gegen Einwanderer», sagt Hotelier Alex in Kewaunee/Wisconsin. Alex ist vor sieben Jahren angekommen, hat das hundertjährige  Hotel nahe am Ufer des Michgansees ersteigert, dazu den Häuserblock dahinter. Er möchte nun abreissen und umbauen, aber die Stadtväter legen ihm Steine in den Weg. Rassismus? «Fremdenfeindlichkeit»? «Nein», sagt Alex. «Die sind einfach gegen Auswärtige. Dabei  sind sie selber auch von aussen gekommen, Deutsche und Polen. Halt vor hundert Jahren, und ich vor 46 Jahren. Was macht den Unterschied?».

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Alex ist Armenier, Mitte sechzig, Ende der siebziger Jahre in die USA gekommen. Das ging auch nicht ganz koscher zu. Über die Türkei habe es nicht geklappt, dann sei er nach London gegangen, erzählt Alex.  Dort habe ein armenischer Freund eines armenischen Freundes einen armenischen Freund in der US-Botschaft gehabt, kein Diplomat, sondern ein Abwart. Mit dem sei abgemacht worden, er solle überrascht und erfreut schauspieleren, wenn Alex im Konsulat auftauche – «mein Cousin, welche Freude» etc. Da ergebe sich vielleicht etwas. Und es habe sich etwas ergeben. Als er die big show abgezogen und der Freund des Freundes des Freundes seine Freudenschreie ausgestossen habe und sie sich in den Armen lagen, sei der amerikanische Konsularbeamte so gerührt gewesen, dass er das Visum ohne weiteres in den Pass gestempelt habe.  Kein Arbeitsvisum natürlich. Alex reiste nach Kalifornien, wo Verwandte und Bekannte wohnten, und machte sich an die Arbeit. Real estate, Immobilien, mehrere Häuser, Hotels und eine Sammlung von classic cars.

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Alex ist längst US-Bürger. Über Politik mag er nicht reden, er habe sich immer rausgehalten.  Was denkt er über Trump? «Ein Dieb». Mehr nicht. Der Irankrieg sei eine Verrücktheit, Amerika werde sich die Zähne ausbeissen. «Man kann eine zweieinhalbtausend Jahre alte Kultur nicht in die Knie zwingen». Überhaupt seien die USA auf dem absteigenden Ast, China werde nun die erste Macht in der Welt. In Amerika seien die Leute nicht mehr bereit, hart zu arbeiten und etwas zu leisten. Wie seine Gegner in Kewaunee, die das Hotel ja auch hätten übernehmen können, aber eben nicht den Mumm dazu hatten.

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Zum Schluss sagt Alex: «Das ist immer noch ein grossartiges Land. Wenn du arbeitest und anständig bist, kannst du es schaffen».