Wo ich herkomme, reden die politischen Einordner gerne vom “Stadt-Land-Graben”. Schweizer Volksabstimmungen ergeben unterschiedliche Ergebnisse zwischen Agglomerationen und ländlichen Gebieten, was gelegentlich zu kulturellen Differenzen heraufgeschraubt wird: Das “verwurzelte” oder “geerdete” Land der rechten Lebenseinstellungen versus das städtische Babel der losen Moral und Verwahrlosung. Das war immer töricht und hat einen Mundgeruch. Die konservativen Intellektuellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liebten den Gegensatz, und die Faschisten molkten ihn mit Vorliebe. Joseph Goebbels keifte gegen die “Asphaltliteraten”.

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Amerika kennt das auch. Es gibt Leute, die nur spitzfingrig von “der Stadt” reden, als sozusagen etwas Unhygienisches, zu Meidendes oder allenfalls mit dem geistigen Latexhandschuh Anzufassendes. “Dort gehen wir nicht hin”, sagte eine aus Kalifornien nach Michigan verpflanzte Kirchgängerin, mit der ich nach der Lateinischen Messe im “St. Joseph Shrine” in Detroit ins Gespräch kam. Warum? Wegen der Kriminalität und den vielen Obdachlosen, die auf offener Strasse ihre Notdurft verrichten und dem fleischlichen Genuss nachgeben. “Stellen Sie sich vor, die Stadt stellt denen jetzt kleine Verschläge zur Verfügung, in denen sie Sex haben können”. Ob das zutrifft oder nicht, ist nicht auszumachen. Aber sicher  ist, dass die Gewissheiten über die städtischen Zustände mit wachsender Distanz vom Geschehen immer fester werden und die Perspektiven  formen.

 

Ein gutes Beispiel für den Differenz ist der Blick auf das Vorgehen der Polizei und dessen “Einordnung”. Dass Menschen – kriminelle Täter, Tatverdächtige, Gesetzesübereter, unschuldige Pechvögel – durch Polizeieinsätze ums Leben kommen, ist unbestritten. Wie rasch das geschehen soll, in welcher Form und unter welchem Umständen dagegen schon. In den vergangenen Jahren hat Minneapolis/Minnesota dazu das Anschauungsmaterial geliefert. Drei Fälle haben die Öffentlichkeit weit über die USA hinaus aufgewühlt. Am 20. Mai 2020 wurde George Floyd bei einem Polizeieinsatz umgebracht. Ein Ladenbesitzer hatte ihn im Vedacht, mit einer gefälschten 20-er-Note bezahlt zu haben, Floyd wurde aus einem Auto gerissen, zu Boden geworfen und mehr als 9 Minuten durch ein Polizeiknie auf seinem Nacken geknebelt. Er stöhnte “ich kann nicht atmen”, aber als der Polizist endlich nachliess, war Floyd tot. Floyd war schwarz, vorbestraft, drogenabhängig. Keiner, der “es geschaffft” hat. Der Vorfall war einer von den Auslösern der “Black Lives Matter” Proteste, die auch in Ländern nachgeahmt wurden, wo die Polizeigewalt gegen Schwarze kein überbordendes Phänomen ist. Es gab “Black Lives Matter” Proteste in Zürich.

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Ein zweites Mal gelangte Minneapolis im vergangenen Januar durch die “Operation Metro Surge” der Einwanderungspolizei ICE (Immigration and Customs Enforcement)  ins Rampenlicht. ICE ist zuständig für die Jagd der Trump-Administration auf “illegal” – das heisst ohne gültige Aufenthaltspapiere – im Land anwesende Personen. Die Regierung des Gliedstaats Minnesota und der Stadt Minneapolis leisteten Widerstand gegen die Aktion, es gab Proteste und Mahnwachen in einschlägigen Quartieren. Am 7. Januar 2026 wurde die 37jährige Renée Good an der Portland Avenue  in Minneapolis vom ICE-Agenten Jonathan Ross erschossen. Good gehörte zu den Quartierbewohnern, die vor der Ankunft von ICE warnten. Agenten hatten sie zum Aussteigen aus ihrem Wagen aufgefordert, sie stieg nicht aus, sondern begann wegzufahren, Agent Ross ging auf den Wagen zu, schoss dreimal durch die Scheibe, und Renée Good war tot.  Am 24. Januar 2026 starb der 37jährige Krankenpfleger  Alex Pretti, während er eine ICE-Aktion an der Nicollet Avenue filmte. Pretti mischte sich in den ICE-Zugriff auf eine Frau ein, wurde von ICE-Agenten zu Boden gerissen und mit mehreren Schüssen erledigt. Er trug selbst eine Waffe im Hosensack, legal, mit Waffenschein. Mehreren Berichten zufolge zeigen Videos, dass ein ICE-Agent die Waffe aus Prettis Hose entfernte, worauf “gun, gun” (“Waffe, Waffe”)  geschrien und in Sekundenschnelle geschossen worden sei.

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Alle drei Vorfälle wurden von Umstehenden mit dem Mobiltelefon gefilmt. Damit konnten sie von den Behörden nicht unter den Tisch gewischt oder beschönigt werden (Die erste Polizeimeldung zur Tötung von George Floyd  lautete “Mann stirbt nach medizinischem Vorfall während Polizeieinsatz”). Im Fall Floyd wurden vier fehlbare Polizisten umgehend entlassen, Anklagen erhoben und Urteile gefällt, der Täter erhielt 22 Jahre Gefängnis wegen Mord. In den ICE-Fällen wird von der Bundesregierung “geprüft”. Nicht alle fehlbaren Agenten sind namentlich bekannt, keiner wurde aus dem Dienst genommen.

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Zu den Ereignissen von Minneapolis  konkurrieren zwei sogenannte Narrative. Die Trump-Administration erklärt, es sei alles rechtens und überall in Notwehr gehandelt worden, und im übrigen seien die Opfer “Terroristen”, die von den demokratisch regierten Behörden in Minnesota gedeckt würden, weswegen es nicht in Frage komme, dass die lokalen Jurisdiktionen sich in die Fälle einmischten. Die Gegenseite sieht strukturelle Gewalt, systematische Polizeiübergriffe, wachsende Bereitschaft der Bundesregierung zu Autoritarismus und Gesetzlosigkeit. Diese Version kulminierte in der Forderung, der Polizei alle Geldmittel zu streichen (defund the police) und neu aufzustellen.

En route nach Minneapolis ist es leicht, Belege für die ländliche Sicht zu finden. “Minneapolis? Schrecklich”, sagt Kathy, die Einheimische in Elmore/Minnesota, die das Haus kennt, wo der ehemalige Präsidentschaftskandidat Walter Mondale seine Jugend verbracht hat. “Ich gehe nie dorthin.” Sie wettert gegen den “Skandal mit den Millionengeldern für die Somalis” (somalische Einwanderer haben das grosszügige Fürsorgesystem des Gliedstaats während Jahren systematisch betrogen und mit Scheinfirmen um schätzungsweise eine Milliarde Dollar erleichtert, es gibt Gerichtsurteile und Post-factum-Reformen) und die Geschlechtsumwandlungen von Jugendlichen. Der Gouverneur – Ex-Präsidentschaftskandidat Tim Waltz – habe Tampons in den Knabentoiletten der Turnhallen installieren lassen, “stell dir das vor, wir nennen ihn nur Tampon Tim”. Und dann “dieses George Floyd-Ding”. Ein Drogenkonsument sei er gewesen, ein Krimineller – “I mean”. Und den Polizisten, der ihn festgehalten habe, hätten sie ins Gefängnis gesteckt,  “ich hoffe, er geht in die Berufung”. Kathy stimmte für Donald Trump, aber nun hat sie mit ihm nichts mehr am Hut. Wegen des Irankriegs. Republikanisch wählt sie jedoch weiterhin. Sie ist nicht sehr zuversichtlich für die bevorstehenden Kongresswahlen: “Hier unten auf dem Land wählen wir republikanisch, aber die Städte, wo die Demokraten herrschen, haben sie mehr Leute”. In Wagner’s Lunch Bar in Ottawanna/Minnesota sieht mein Cheeseburgernachbar George Floyd ähnlich.  “Ich habe Freunde in der Polizei. Die müssen innerhalb Sekundenbruchteilen entscheiden. Es ist gefährlich.” Hier in Ottawanna? “Nein, hier nicht, aber in der Stadt”. Kennt er Fälle? “Es kommt vor”. Es komme eben darauf an, wie einer sich verhalte. “Wenn ich von der Polizei gestoppt werde, tue ich, was die sagen. Ich widersetze mich nicht”.

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In Minneapolis liessen sich das Walker Art Center (Herzog & Demeuron), das Weisman Art Museum (Frank Gehry), das Institute of Art (Michael Graves) besuchen. Eine Versuchung war die Ausstellung über die Blechkapelle aus Mexiko, 56 Mann, die 1886 während 41 Tagen in der Stadt konzertierte. Aber ich will die Tatorte der Tötungen von Floyd, Good und Pretti besichtigen.

Den Anfang macht Portland Avenue, zwischen der 33. und 34. Strasse, wo Renée Good zu Tode kam. Ein halb-halb-Quartier, mittelgrosse zweistöckige Häuser, die einen mit verwahrlostem, die anderen mit gepflegtem Vorgarten. Die Stelle ist nicht zu übersehen. Eine Art Schrein, zwischen dem Trottoir und der Strasse geschmückt und angepflanzt, handgeschriebene Gedichte an einem Baum, an einer Bretterwand die Porträts der Gefallenen und eine Brandspur. «Ein versuchter Anschlag», sagt James. Von wem? “White power boys von ausserhalb”. James sitzt in einem Mazda und raucht eine Zigarette. Er hält hier Wache, «bis zu 20 Stunden am Tag». Am Tag der Tat habe es keinen Protest gegeben. Renée Good sei einfach die Strasse auf und runter gefahren und habe vor der Ankunft von ICE gewarnt.

– Wohnst du hier ?

– Ja

– Was ist das für ein Quartier?
– Auf der gegenüberliegenden Strassenseite sind viele Hispanics, im nächsten Block Somalier. Wir kommen gut aus miteinander.

– Die Trump-Administration sagt, sie habe es auf Kriminelle abgesehen. Gibt es Kriminalität hier?

– Nicht so viel. Autoeinbrüche und so, Jugendliche, die Mist bauen.

– Sind illegal Eingewanderte hier ein Problem?

– Wenn sie Verbrechen begehen, sollen sie raus, da bin ich 100 Prozent dafür. Wenn nicht, stört es mich nicht. Die sind nur hier, um einen Lebensunterhalt zu bestreiten und tragen zur Gemeinschaft bei.

ICE sei immer noch aktiv, sagt James, ein Militärveteran und pensionierter Feuerwehrmann. Aber weniger auffällig. “Die wissen, wen sie suchen. Im Januar sind sie militärisch aufgetreten, um uns Angst zu machen und Leute zu verpfeifen. Das hat nie funktioniert”.

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James sagt, nach den brutalen ICE-Einsätzen im Januar hätten die Quartierbewohner sich bewaffnet. “Der halbe Block hier hat ein carry/conceal permit, einen Waffenschein”.

Auch Alex Pretti war bewaffnet. Warum? Am «Memorial» an der Nicollier Avenue sitzt ebenfalls ein Wächter. «Was soll das, er hatte einen Waffenschein», sagt er. «Das war eine sehr gefährliche Zeit damals, 3500 Bundesgorillas in der Stadt». Die Gegend hier ist etwas belebter, der Schrein etwas etwas kleiner, auch zwischen Trottoir und Strasse angelegt. Zwischen den Blumen, selbstgefertigten Erinnerungsstücken und Porträts liegt ein Velosattel. Pretti sei ein grosser Velofahrer gewesen, sagt der Wächter. Eine junge Besucherin weiss, dass ICE seine Gefangenen ohne Decken in der Minnesotakälte gefangen gehalten habe. «Mindestens drei» Personen seien erfroren.

Die dritte Gedenkstätte ist die grösste. Der «George Perry Floyd Square», Ecke 38. Strasse/Chicago Avenue erstreckt sich über einen ganzen Block. Zwei ungeschlachte Statuen markieren Anfang und Ende. Unter einer kleinen Brücke wird auf eine Kunstinstallation hingewiesen, ein paar Reihen von Steinen sollen die Opfer von Polizeigewalt symbolisieren, aber zu sehen ist nur wucherndes Grünzeug. Der Drugstore, wo mit der fatalen 20-er-Note bezahlt wurde, heisst jetzt Unity Foods und ist under new management. Der Tatort davor ist noch reicher geschmückt als die anderen, ein Blumenbogen führt zur Todesstelle, aus Lautsprechern tönt Jazzmusik. Hier ist, was Amerikaner – auch die liberalen und gutmeinenden – bad neighborhood nennen. Schlechtes Quartier, ärmlich. Zwei Häuser nach dem Drugstore bettelt einer im Schaufenster um Geld, um seinen Laden über Wasser halten zu können. Zwei Blöcke weiter zeigt ein Bahai’i-Tempel, wie ein gepflegtes Gebäude aussähe, wenn Kapital da wäre. Eine  Schautafel der Stadtverwaltung ein Verschönerungsvorhaben an. «38th and Chicago reenvisioned». Das ist auch wieder nicht recht. Die Bauerei störe sie fast noch mehr als der Mord an George Floyd, erklärt die Inhaberin eines Schmuckwarenladens einem Kunden. Gefragt, ob ICE immer noch eine Gefahr sei, meint sie: «Die sind immer hier. Die töten und vergewaltigen». George Floyd sei «vor den Augen eines Kindes» umgebracht worden. Das Kind war die 17jährige Darnella Frazier, welche die Tat auf ihrem Mobiltelefon festhielt und sich gegen die anfängliche Darstellung zur Wehr setzte. Die Ladenfrau sagt, «das Kind» sei deswegen behelligt «und vergewaltigt» worden.

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ICE arbeitet weiter und kommt dem von der Trump-Administration vorgegebenen Ziel von 2000 Verhaftungen täglich näher. Gemäss New York Times wurden im Juni 43000 und im Juli 49000 Festnahmen  verzeichnet. Und Festnahme bedeutet Festnahme, nicht «Aufnahme der Personalien und Freilassung» bis zu einem Deportationsentscheid (Memo an mich selbst: Pass und Visum stets auf Mann – wear the freaking cargo pants). Je nach Fall können Verhaftete Wochen oder Monate festgehalten werden. Zahlreiche Berichten zufolge kommt es zu Schwierigkeiten bei der Kontaktierung von Angehörigen oder Anwälten, der Verweigerung von medizinischer Versorgung, langer Isolationshaft oder körperlichen Misshandlungen. Nicht alles davon ist neu. Die von National Public Radio erzwungene Freigabe einer verwaltungsinternen Untersuchung aus den Jahren 2017 bis 2019 ergab «barbarische» und «verwahrloste» Zustände in ICE-Haftanstalten. Neu ist die beispiellose Ausweitung der Hatz auf illegal Eingewanderte. An diesem Punkt wird die Beteuerung, es gehe lediglich darum, «kriminelle» Personen aus der Gesellschaft zu entfernen, Definitionssache. Gemäss einem Bericht des Cato-Instituts aus dem Jahr 2024 hatten über 90 Prozent der ICE-Verhafteten sich nie eines gewalttätiges Verbrechen zuschulde kommen lassen, und entfielen über die Hälfte davon auf Verkehrs-, Sitten- oder Einwanderungsdelikte. Aber für ICE ist die Verletzung von Visabestimmungen eben kriminell.  Neuerdings werden ICE-Agenten in Zusammenarbeit mit der Passagiersicherheitsbehörde TSA auf Flugpassagiere angesetzt.  Die Trump-Regierung will so «sicherstellen, dass Fremde, die illegal in unserem Land sind, nicht mehr fliegen können, es sei denn, um das Land zu verlassen», heisst es in einer Mitteilung des  Heimatschutzdepartements.

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Jüngstes Opfer der verschärften Gangart ist der britische «Influencer» Milo Yiannopoulos, ein rechtsextremer Geiferer und Antreiber der MAGA-Bewegung. Er fiel aus der Gnadensonne des Caudillo , als er – er ist schwul – den Geschlechtsverkehr unter Männern ab 13 Jahren verteidigt hatte. Ende Juli wurde Yiannopoulos auf dem Flughafen von New Orleans von ICE festgenommen und nach einigen Tagen nach England zurückspediert. Dort teilte er dem «Guardian» mit, er habe «wirklich, wirklich Angst gehabt», und erst jetzt «wirklich verstanden, wie verankert die Brutalität in Amerika ist», und es tue «viel mehr weh als es am Fernsehen aussieht». In der Vergangenheit hatte Yiannopoulos sich als Grossmaul des Trumpismus hervorgetan. Er forderte  die Deportation von «Millionen und Millionen von Menschen» und verlangte «Sofort-Deportation für «jeden, der nicht beweisen kann, dass er sich legal in den USA befindet».

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Tja.