Pastor Adam Hamilton sieht aus wie ein Buchhalter, spricht einen Tick zu schnell, kleidet sich wie der Familienvater, den die Halbwüchsigen mit dad jokes ins Visier nehmen. Das ist nicht, was du dir unter einem amerikanischen Grosskirchenprediger vorstellst, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen. Aber die Erscheinung trügt. Hamilton ist Chef und Mentor der Church of the Resurrection in Leawood/Kansas,  der grössten methodistischen Mega-Kirche in den Vereinigten Staaten. Eine Gründerfigur.  Geboren und aufgewachsen in Prairie Village ausserhalb von Kansas City, machte er sich bald nach dem Theologiestudium selbständig. 1990 startete er in einem Bestattungsinstitut mit einem Dutzend Gläubigen seine eigene Kongretation. Vier Jahre später folgte die erste eigene Kapelle, nochmals vier Jahre später ein erstes sanctuary in Leawood, am Rande von Metro Kansas City. Heute wirkt die  Church of the Resurrection an neun Standorten für wöchentlich 25000 Seelen. Die Gottesdienste werden in zwei Versionen, “traditionell” und “modern”, angeboten, alles auch online, dazu Podcasts und die wöchentliche “e-note” von Pfarrer Adam.

Solches Wachstum ist nicht ausserordentlich, andere amerikanische Grosskirchen sind ähnlich rasch aus dem fruchtbaren amerikanischen Boden gesprossen, und Kansas zählt schliesslich zum Bible Belt, wo die Gottesfurcht so allgegenwärtig ist wie die Anzahl der Gotteshäuser gross. Weniger gewöhnlich ist, was in Hamiltons Unternehmung gelehrt wird. Die bekannten – oder die aufsehenerregenden – Megakirchen legen Hände auf, lassen Kranke gesund werden, predigen die ewige Verdammnis der Sünder, nehmen den Text der Bibel beim buchstäblichen englischen Wort und lassen keine Zweifel, wo Gott hockt, wenn es um Vaterlandsliebe, die freie Marktwirtschaft und die korrekte Ordnung des Familienlebens geht. Sie sind nach innen ausgerichtet: Die christliche Solidarität wird in der eigenen Herde geübt. Bei Hamilton ist es gerade umgekehrt. Seine Kirche richtet sich nach aussen. In der Church of the Resurrection ist der Christ eingeladen, draussen in der Gesellschaft Gutes zu tun. Der dritte Samstag im Monat ist “Dienstsamstag”. Die Resurrektionschristen verteilen Kleider, liefern Essen, helfen bei Hausreparaturen, pflegen Gärten.  Der Akzent liegt auf der guten Tat.

Ich war dort. An einem Augustsonntagvormittag fuhr ich  zum Elf-Uhr-Gottesdienst im Resurrection-Komplex draussen in Leawood, wo die Metropole langsam auszuwuchern beginnt. Architektonisch eher eine Shopping-Mall als eine Kirche, Riesenparkplatz, Gewaltseingangshalle, Cafeteria, mehrere Säle, es wird gerade angebaut, man errichtet eine kleinere Kapelle für intimere Anlässe. An der Wand der Vorhalle heisst es: “Build a community where non-rligious and nominally relgions people are deeply committed Christians”. Wo einer sich verortet, ist weniger wichtig als was er unternimmt. Mittelpunkt  des Geschehens ist ein mächtiger, weiter Saal, holzgetäfert, sicher 2000 Sitzplätze, vorne eine Bühne, im Hintergrund ein mächtiger Bildschirm. Thema der Veranstaltung ist die Jugend. Die Kirche baut ihre Jugendarbeit (student ministry) aus, ein Treffpunkt für die Stunden nach Schulschluss wird eröffnet, man braucht 50  zusätzliche Freiwillige, um den Bedarf an Schülerbetreuung zu decken. Adam Hamilton ist da, offenes Hemd, Blazer, Sonntagshose, aber er predigt nicht, sondern fungiert als eine Art Conférencier.  Das Wort haben die Leiterin der Jugendarbeit und ein jüngerer Prediger, der aus dem Buch Samuel erzählt, vom Priester Eli der dem jungen Zweifler Samuel rät, auf Gott zu hören: Ein Mentor. Das ist das Stichwort. Mentoring wird gross geschrieben, man preist den Wert älterer Mentoren für jüngere Personen. Auf dem Maxibildschirm erzählt Kirchgängerin Emily, wieviel ihr der Nachschulmentorinnendienst gibt: use your faith in the real world, step outside of your church. Ihre Tochter und andere Zöglinge bezeugen die gute Wirkung. Ein Achtklässler sagt in die Kamera:  “Emily took my faith to the next level”. Nach dem Gottesdienst gibt es kurz Gelegenheit, dem Chef die Hand zu schütteln. “Wenn wir ‘gib uns unser täglich Brot’ beten, meinen wir diejenigen, die keines haben und wollen dafür sorgen, dass sie welches kriegen”, sagt Adam Hamilton.

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Warum ich das alles aufschreibe? Weil Adam Hamilton nicht nur Seelsorger, sondern auch Politiker ist. Er ist der Kandidat der Demokratischen Partei für den Senatssitz des Gliedstaats Kansas, und er hat gute Chancen, gewählt zu werden – der erste Kansas-Demokrat im Senat seit 1932. Das ist eine Sensation. Umso mehr, als es ein christlicher Pastor ist, der sie schafft. Denn im Amerika des 21. Jahrhunderts sind die Berufschristen allermeistens rechts ausgerichtet. Die strikt bibeltreuen “Evangelikalen” sind die stärkste und verlässlichste Wählergruppe hinter Donald Trump, weil der Caudillo ihnen die Ernennung strammer Abtreibungsgegner auf Richterposten versprochen und Wort gehalten hat. Adam Hamilton bringt nun eine ganz andere politische Färbung ins evangelische Christentum. Seine Kirche sei ein Gemisch aus liberalen und konservativen Gläubigen, sagt Ken, mein Kirchenbanknachbar im Gottesdienst an jenem Augustsonntag. “Halb und halb”, die einen eher “rot” (republikanisch), die anderen eher “blau” (demokratisch). Man gebe sich Mühe, das Gespräch miteinander offen zu halten, dazu werde ein bewusster reconciliation effort gepflegt. Das hat seine Grenzen. Gefragt, ob der Politiker Hamilton seine Stimme erhalte, sagt Ken: “Nein. Meine Frau und ich sind Konservative. Aber wir mögen, was er hier leistet. Wenn wir pensioniert sind, wollen wir hier noch mehr Freiwilligenarbeit leisten”.

Bis kurz vor der Wahl geht die Rechnung politisch auf. Kansas ist der Republikanischen Partei im Normalfall etwa gleich stark verbunden wie das Emmental der SVP, aber der zur Wiederwahl stehende Kansas-Senator Roger Marshall, ein republikanischer Frauenarzt, liegt gemäss Umfragen nur gleichauf, und er hat weniger Geld in der Kasse als Hamilton. Dieser hämmert ihm die Nibelungentreue zum unpopulären Präsidenten Trump um die Ohren und fordert change, den Kurswechsel. Über hundert republikanische Würdenträger haben die Parteidisziplin aufgekündigt und fordern zur Wahl Hamiltons auf. Ein sicheres Anzeichen der prekären Tabellenlage war der Besuch von Donald Trump in Kansas. Um die lustlose Gefolgschaft zur Wahl zu treiben und die absehbare Niederlage bei den midterms in Grenzen zu halten, veranstaltet der Caudillo  rallies in den republikanischen Hochburgen. Kansas gehört zur Auswahl. Der Agrarstaat ist eher stärker als andere vom allgemeinen Malaise erfasst, weil die Farmer von den hohen Preisen für Diesel und den Marktveränderungen durch die Trump-Zölle besonders empfindlich getroffen werden. Mit dem Wasser am Hals, greift Trump zum letzten Werkzeug des bedrängten Politikers und offeriert Geld. Er verspricht jedem Bürger 5000 Dollar aus der Staatskasse, wenn die Republikaner ihre Mehrheiten verteidigen, und an seiner Versammlung in Wichita kündigte er den Bauern 8 Milliarden Dollar Diesel-Soforthilfe aus dem Agrarbudget an – Mittel, die er nicht hat, und über die er kaum eigenmächtig verfügen dürfte, wenn er sie hätte.

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Die Kandidaten schenken sich nichts. Bei einer TV-Debatte zwei Wochen vor der Wahl waren die Attacken aus der Fernsehwerbung erstes Traktandum. Hamilton wirft Marshall vor, mittellose Patientinnen betrieben und einige davon ins Gefängnis gebracht zu haben. Marshall sagte, es handle sich um vergleichszweise wenige Fälle, und es sei rechtens, gegen säumige Zahlerinnen vorzugehen, insbesondere, wenn diese auch anderswo Rechnungen unbezahlt liessen. Er beschuldigt Hamilton umgekehrt,  vor einigen Jahren  trotz Warnungen einen Pädophilen beschäftigt zu haben. Der Kirchenvater räumt ein, man habe verspätet reagiert, dann aber geholfen, den hinter Gitter zu bringen. Auf diesem Niveau findet der alles dominierende Fernsehwahlkampf statt. Die Debatte förderte etwas mehr Substanz zutage. Einig waren sich beide Kandidaten bei den überall breit ausgewalzten Geschlechterthemen –“gender”-Identitäten und dergleichen:  Es gibt nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich, und Buben haben im Mädchensport nichts zu suchen. Zur allgegenwärtigen Sorge um die hohen Dieselpreise erklärte Marshall, daran sei nicht der Krieg gegen Iran, sondern der Krieg in der Ukraine schuld. Es seien die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien, welche die Märkte aus dem Tritt würfen. Das glaube kein Mensch, sagt Hamilton, und Trumps Dieselhandel mit Russland, die Ausnahme für russische Dieselexporte von den US-Sanktionen, sei “unanständig” (Marshall räumt ein, es sei “keine gute Idee”). Die Rolle des Staats gegenüber der Künstlichen Intelligenz? Marshall ist für “sanftes Vorgehen”, Hamilton will weiter gehen, , glaubt aber nicht an “Überregulierung”. Er hält die Politiker überfordert und plädiert dafür, “Experten” zu konsultieren. Das sagt der Pastor mehrfach in dieser Debatte: “Ich bin nicht sicher”, oder “ich weiss es nicht” und “das müssen wir abklären”. Die Sicherung der Grenze gegen illegale Einwanderung? Für Marshall ist dies die überragende Leistung der Trump-Administration und das schreiende Versagen des Vorgängers Biden. Hamilton räumt ein: “Biden’s Politik war disaströs”. Aber die Miltarisierung der Einwanderungspolizei sei falsch: “wir wollen die Menschen nicht terrorisieren”. Die Zölle? Marshall behauptet, hinter dem Zollschutz beobachte er eine “renaissance of manufacturing”. Hamilton sagt, bei seinen Besuchen bei Industriefirmen höre er das Gegenteil: “Die zahlen drauf”. Subventionierung der Landwirtschaft? Marshall verweist auf Trumps 8 Milliarden, Hamilton sagt: “Die Bauern wollen keine Subventionen, sondern die Möglichkeit, ihr Leben zu verdienen. Wir müssen ihnen helfen”. Amerikanische Waffen für Israel? Für Marshall keine Frage, Israel ist “Alliierter” und kriegt jede US-Unterstützung.  Hamilton kritisiert das Vorgehen in Gaza und will die Lieferung von Offensivwaffen unterbinden: “Wir sehen ganze Städte ausgelöscht. Sie verwenden unsere Hilfe, um Waffen zu kaufen, die sie gegen Zivilisten richten. Das ist nicht recht. Das ist nicht, was wir Amerikaner sind”. Das überteuerte Gesundheitswesen? Marshall sagt, das von den Demokraten durchgesetzte Obamacare-System sei gescheitert. Hamilton reibt Marshall die Trump-Kürzungen bei den Armen-Krankenkassen(“Medicaid”) vor, zitiert die Wählerin, deren Prämie auf 2700 Dollar pro Monat schnellt, und sagt: “Wir müssen es besser machen, wir müssen Demokraten und Republikaner zusammenbringen”. Gefragt, wie er das bezahlen wolle, sagt der Pfarrer: “Wir nehmen es von der Billion, die Trump hat, um die Wähler zu bestechen”.

Adam Hamilton, bis 2020 eingeschriebener Republikaner, gibt sich moderat und unabhängig. Er distanziert sich von der heutigen Parteiführung der Demokraten. Chuck Schumer, den Fraktionschef im Senat, werde er mit Sicherheit nicht wählen, sagt er in der Debatte. Die neue Führung müsse “weniger links, mehr In der Mitte” positioniert werden. Er wolle, “Menschen zusammenbringen, nicht auseinanderdividieren”. Wenn er eine Idee gut finde, werde er sie unterstützen, egal von welcher Seite sie komme. Gefragt, wie er das als Neuling im Senat bewerkstelligen wolle, sagt Hamilton im Anschluss an die Debatte, man solle seinen eventuellen Wahlerfolg nicht unterschätzen: “Wenn einer zum ersten Mal seit 94 Jahren eine Wahl gewonnen hat, wollen die Leute wissen, wie er es zustandegebracht hat”.

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Im demokratischen Lager ist viel von den “Demokratischen Sozialisten” die Rede, deren Kandidaten etliche Vorwahlen gewannen und sich im Hauptwahlkampf gegen die Rechte gut schlagen. Adam Hamilton ist ein Gegenentwurf – der gemässigte, nicht-so-linke und sicher nicht sozialistische Mann aus der Mitte. Das Fazit: Was die Demokraten mit der Macht anfangen wollen, wenn sie sie denn erringen, bleibt ziemlich nebulös.