Lieber R.,

Du hast mir Deine Aufforderung gemailt, am 13.  Februar abstimmen zu gehen, die Abschaffung der Stempelsteuer abzulehnen und das «Massnahmenpaket zugunsten der Medien anzunehmen». Merci – Du bist ein citoyen!

Abstimmen werde ich, weil weg allerdings per Brief (schlecht – ich gehöre zu den wenigen, die den «Gang zur Urne» hochhalten und die briefliche Abstimmung als unnötige Erleichterung der Bürgerpflicht betrachten). Die Stempelsteuer ist ein no brainer. Die Maureruelis stimmen den alten Jodel von der globalen Wettbewerbsfähigkeit an, aber ich glaube nicht, dass die kleine Minderheit von betroffenen Unternehmen gross an dieser Steuer leidet. Die Gebühren der Notare, Anwälte und Berater bei der Kapitalaufnahme schlagen vermutlich weit höher zu Buche. Und wenn es ein Land gibt, wo privates Kapital nicht knapp ist, dann die Schweiz.

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Bei den Medien folge ich Dir nicht. Ich werde nicht mit Nein stimmen, weil ich mich mit den Zürcher Pajassen, welche die Nein-Kampagne bestimmen, nicht ins Bett lege. Aber Ja geht auch nicht. Ich werde leer einlegen.

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Ich kann nicht zustimmen, wenn ich von meiner Lage als Einwohner im bernischen Oberaargau ausgehe. Wir leben hier medienmässig in einer Dürrezone, die von den paar Steuermillionen für «die Medien» nicht grüner wird. Wir haben keine eigene Zeitung, die gefördert werden könnte. Keine mehr: In meiner Jugend gab es das «Langenthaler Tagblatt» und das «Emmentaler Blatt» und ein wenig noch die «Berner Tagwacht», die alle über das Geschehen in der Region berichteten, schrecklich einseitig und in keiner Weise «investigativ», aber eben doch umfangreicher und ausführlicher als heute. Heute haben wir den als «Berner Zeitung» kostümierten Tages-Anzeiger, mit der Mütze «Langenthaler Tagblatt» auf dem Kopf. Ich lese das nicht, weil ich nach drei Jahren Galeere bei jenem Verlag keinen Rappen eigenes Geld für Produkte aus diesem Haus («content for people») ausgebe. Gelegentlich nehme ich es im Wirtshaus von der Stange und finde jedes Mal, dass ich nichts verpasst habe. Ich sehe nicht ein, warum so etwas mit Steuergeld subventioniert werden sollte. Das wäre dasselbe, wie wenn der Staat den Emmi-Emmentaler oder das Migrosbrot unterstützte: Staatssubvention für Massenkonfektion.

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Was haben wir sonst? Alle paar Wochen liegt der «Unteremmentaler» im Briefkasten, gratis zugestellt. Ein abonnierbares Halbwochenblatt, stark fokussiert auf das Vereinsgeschehen und Ähnliches, offenbar potent genug, um von Zeit zu Zeit flächendeckend alle Haushaltungen zu beliefern. Seit einiger Zeit erhalten wir, auch ungefragt, ein Heftlein namens «Wurzel», früher «s’ Positive». Geschrieben von einem oder zwei Eishockeyreportern, finanziert von einem nicht total transparenten Geschäftemacher, der ringsum Beizen aufkauft oder aus dem knappen Boden stampft und sein Geld angeblich mit dem Verkauf von Autoreifen und Erfolgen bei Lastwagenrennen «gemacht» hat. Der «positive» Inhalt ist wohlig-heimatlich eingehüllte Präsentation lokaler Grössen, immer über den rechten Flügel gespielt (der alt-Bundesrat Schneider-Ammann wird gerne hofiert), allem Kontroversen ausweichend, aber das der Gegend angeborene Reaktionäre geschickt bewirtschaftend. Ich weiss nicht, ob «Wurzel» Mittel aus dem Mediengesetz zugute haben wird. Falls ja, wären sie verschwendet.

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Dann kommt «Radio 32» – der Lokalsender aus dem benachbarten Solothurn. Er würde sicher mehr Geld aus den Zwangsgebühren erhalten, sicher unverdient. Denn «Radio 32» ist unhörbar. Ich weiss es, seit ich in der Garage eines Freundes bei der Reparatur meines alten BMW helfen durfte und über mehrere Wochen dauerbeschallt wurde.

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Onlinemedien? Sie sollen neu ebenfalls mit Staatsgeld subventioniert werden. Eine gute Sache, aber sie nützt uns hier nichts. Es gibt keine online-Medien, die über unsere Region in irgendeiner Weise Relevantes verbreiten. Fragt sich also, ob solche Medien anderswo Lücken füllen. Das ist gewiss so. in Basel zum Beispiel sind die onlinereports seit zwei Jahrzehnten eine wichtige Ergänzung zur publizistisch heruntergewirtschafteten Basler Zeitung, wahrscheinlich auch das neue «Bajour». Regional übergreifend ist www.watson.ch ein ernst zu nehmendes neues Medium – zum Beispiel haben die vor ein paar Jahren eine der ganz wenigen fairen und ausführlichen Auseinandersetzungen mit dem vom Schweizer UNO-Botschafter meisterlich ausgehandelten UNO-Migrationspakt geliefert, den die ach so seriösen Gazetten im Schlepptau der Zürcher Grössen niederschrieben. Wenn solche Produkte Förderung nötig haben sollten – ich bin da nicht ganz sicher – so könnte die auch beschlossen werden, ohne gleichzeitig die grossen Zeitungsverlage zu beschenken. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die schwammige Inpflichtnahme der Zeitungsverleger zu «Verhandlungen» über einen Gesamtarbeitsvertrag im Gesetz über online-Medien nicht enthalten ist. Es gibt seit Jahren keinen solchen Vertrag mehr, und gerade im Onlinebereich (Stichwort Urheberrechtsschutz) wird den Journalisten das ökonomische Wasser abgegraben.  Warum soll der Staat Unternehmungen Steuergeld geben, welche der sozialstaatlichen Kernpflicht des Tarifvertrags nicht nachkommen?

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Bleibt die Bezuschussung der Ausbildung der Journalisten. Sie ist nötig. Das Gedruckte, Gesendete und Geklickte zeigt eine unglaubliche Verluderung der Sprache – erstes Werkzeug des «Medienschaffenden»: Akkusativfehler, dümmliche Anglizismen, Verwechslung von Einzahl und Mehrzahl, kritiklose Übernahme von Floskeln aus dem Wörterbuch der «Kommunikation». Gestützt auf die eigene Erfahrung mit landläufiger journalistischer Praxis glaube ich keinen Moment, dass noch mehr Aus- und Weiterbildung hier etwas abtragen wird. Dort geht es nicht um Durchdringung der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil darum, «Geschichten» zu konstruieren – möglichst solche, die «drehen» und zur Steigerung der Abonnementseinnahmen vernutzt werden können. So wird der Eintopf aufgesetzt. Wieso sollte das durch Steuergeld unterstützt werden?

 

R., hilf!

R repliziert: Ja zum Ja, weil Nein zum Nein

Lieber Johann.

 

Vorweg vielen herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort. Ich verschicke unregelmässig solche Rundmails an zu wohl fast 100% «likeminded poeple», wenn ich finde, es wäre etwas mehr Engagement zum Thema nützlich. Meist gibt’s kaum Antworten, diesmal mehr als sonst und mit einer Ausnahme nur zustimmende.

Deine Meinung zur desaströsen Mediensituation teile ich natürlich vollumfänglich. Der «Bund» gibt uns ja täglich Anschauungsmaterial für die Agglo Bern und aus meiner ländlichen Heimat – Nordostecke des Aargaus – könnte ich mit andern Titeln deine Beschreibung wiederholen. Du hast recht und deine Kritik stimmt. Dennoch stimme ich Ja, weil das absehbare Nein nicht dich und deine Analyse, sondern Köppel, Hummler, Weigelt, Blocher und die andern Zürcher Pajasse, wie du sie richtig nennst, stärken wird, ihnen mehr Macht und medienpolitischen Einfluss vor allem gegen die öffentlich-rechtlichen Medien geben wird.

Du lobst mich eingangs als «citoyen», merci, aber ich bin wohl einfach ein unverbesserlicher linker Pragmatiker, mit etwas viel negativer politischer Erfahrung auf dem Buckel. Dazu kommt mir vor allem in den Sinn, wie u.a. dank linker Hilfe 1992 der EWR knapp scheiterte und nur Blochers Rechte uns seither europapolitisch drangsaliert. Von den dank geschickter gewerkschaftlicher Taktik erreichten «Flankierenden» mal abgesehen, die gezielt zu gefährden den Herren Cassis und Schneider-Ammann im jüngsten Kapitel der Tragödie vorbehalten blieb. Bei der AHV ist es ähnlich. Aber ich weiche zu sehr ab. Bedenke einfach meinen auch begründeten Pragmatismus. Dazu rufe auch ich: Johann hilf!

 

Übrigens: Ich gehöre wie du zu den sturen Urnengängern (ausser seit «Corona»), weil auch ich die Bürgerpflicht höher einstufe, als das praktizierte Administrativverfahren. Bichsel beschreibt sie irgendwo mit seinem Vater, der ihn als Kind stets zur Urne mitgenommen und dort vor der Stimmabgabe ehrfürchtig den Hut abgenommen habe. Die verschwundenen Abstimmungslokale fehlen auch, wenn wir Unterschriften für Initiativen und Referenden sammeln, wobei das einzig verbliebene im Quartier jeweils sonntags noch immer gute Ausbeute bietet.

 

 

Alles Gute und herzliche Grüsse

R.