Montag, 7. November. Der Caudillo ist erst für acht Uhr abends angesagt, Einlass ist ab drei Uhr, es ist Zeit totzuschlagen. Ich fahre nach Middletown, wo der republikanische Senatskandidat JD Vance herkommt. Er steht zur Wahl . Trump ist nur der Einpeitscher.

 

 

Nein, die Dame am Hotelempfang weiss nicht, dass heute Abend ein rally mit Donald Trump stattfindet. «Wo denn?» – «Am Flughafen». – «Wann?» – um acht» – «Da schlafe ich schon, ich stehe um fünf Uhr auf.». Kennen Sie JD Vance? «Nein, aber wir sind für ihn, mein Mann und ich, wir wählen republikanisch».

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In Middletown muss es anders sein. Da kommt JD Vance her. Er hat über seine Jugend ein Buch geschrieben, «Hillbilly Elegy», ein grossartiges Buch darüber, wie es war, in den siebziger Jahren in Middletown aufzuwachsen und mitzuerleben, wie das Stahlwerk nach und nach die Beine streckte und die Arbeiter den Boden unter den Füssen verloren. Aber in Middletown ist alles ein wenig anders. McKinley Street, wo JD aufwuchs, ist kein heruntergekommener Slum, sondern eine Strassenzeile mit einfachen, kleinen Häuslein, manche mit porch, alle sauber, nirgendwo das Sammelsurium von alten Autos und zerschlissenen Gartenmöbeln wie es dort zu sehen ist, wo Amerika richtig arm ist. Zum Beispiel in den Appalachen, wo die hillbillies zuhause sind, die JD beschreibt. An der McKinley Street steckt nicht ein Wahlplakat im Vorgarten, auch nicht von JD. Überhaupt fehlt die Wahlwerbung fast allerorten. Das sei kein Wunder, sagt Terry Stevens im grossen Pfandleihhaus im historischen Distrikt. «JD ist nicht sehr beliebt hier». Wieso? «Er hat sich aus dem Staub gemacht, sobald er konnte, ging dann nach Yale – gehen sie nicht alle nach Yale? – und nach Kalifornien, um einen Haufen Geld zu verdienen». Und JD sei ein Wendehals, der zuerst keinen guten Faden an Donald Trump liess, aber rechtsumkehrt machte, als er für den US-Senat kandidierte. «So etwas mögen die Leute nicht».

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Das Pfandleihhaus, gefüllt mit Musikinstrumenten (COVID hat das Unterhaltungsgewerbe gekillt), einem Liegerad und einer Vitrine voller Feuerwaffen (Rücknahmegarantie, wenn der vorgeschriebene background check abgelehnt wird, minus eine Bearbeitungsgebühr von 60 Dollar), steht zum Verkauf. Der historische Distrikt misst zwei Blocks, viele Gebäude renoviert, einige mit leerem Büroraum, verdächtig viel Galerien-cum-Kunsthandwerk. Er heisst «Historic Downtown Inc» und ist anscheinend ein Unternehmen. Zwei Strassen weiter steht ein Hotel zum Verkauf, schräg vis-à-vis vom Sorg Opera House mit Erinnerungen an vergessene Minstrelgrössen in der Vitrine. Einst eine wichtige Station für die Schifffahrt auf dem Great Miami River und Standort der Armco-Stahlwerke, hat Middletown seine Blüte hinter sich.

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Es ist übrigens sehr heiss, in Ohio und nicht nur dort. Die TV-Wetterkarte zeigt quer durch Amerika einen tiefroten Hitzestreifen. 80 Grad Fahrenheit im November, man schwitzt im Hemd und lässt die air condition im Wagen laufen. Keine Wetterfee, die auch nur ein Wort über die Erderwärmung oder den Klimawandel verlöre. Viel zu riskant, weil politisch heikel. Climate change ist in den Wahlkämpfen kein Thema.

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Irgendwo in der Mitte von «Hillbilly Elegy» beschreibt JD Vance ein Erlebnis aus dem Militär. Weil er nicht wusste, was er wollte, und zuwenig Geld da war, um an einer teuren Universität nach dem Sinn seines Lebens zu suchen, ging er zur Marineinfanterie, den marines. Die harten Jungen. In den ersten Tagen der Rekrutenzeit hatte JD sich bei der Essensausgabe eines der bereitliegenden Desserts mitgenommen, und als er sich setzen wollte, schlug ihm ein Unteroffizier das Süsszeug vom Tablett. Er schrie ihn an, er habe sich nicht einzubilden, ein Dessert zu verdienen. Was ein richtiger Kerl ist – ein red blooded American, wie es heisst – würde in so einem Fall der Kanaille eine zwitschern, egal ob vorgesetzt oder nicht. Aber JD setzte sich still hin und ass. Er nahm den Vorfall als Lektion. So ist es bei den marines : der Mann zuerst psychologisch fertiggemacht, in seine Einzelteile zerlegt und dann zur brauchbaren Kampfmaschine neu zusammengesetzt.

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«Hillbilly Elegy» , erschienen 2016, ist ein Buch über JDs Jugend als Kind einer «dysfunktionalen» Familie in Ohio. Der Vater weg, die Mutter tablettenabhängig, ihre Partner mit den Jahreszeiten wechselnd. JD’s Rettungsanker ist die Grossmutter, aus den Bergen in West Virginia nach Ohio zugewandert, wo die guten Jobs in der Stahlindustrie waren. Die Grosseltern waren «hillbillies» – Bergler, die sich meist vergeblich abstrampeln und davon leben, sich die Butter nicht vom Brot nehmen zu lassen. Das rote Blut der raschen Wut ist nie weit weg, man ist ein red blooded American. Grossvater schlug einen Verkäufer zusammen, als dieser reklamierte, weil der kleine JD ein Spielzeug beschädigte. Grossmutter hatte Schusswaffen, deren business end sie gegen alles Feindliche einzusetzen bereit war. Sie lehrte JD, wie man sich richtig prügelt (gut zu wissen: ein Faustschlag gegen den Kopf tut nicht sehr weh, solange der andere «nicht weiss, was er macht»). «Hillbilly Elegy» ist ein Familiendrama. Und eine Geschichte über Verschwinden der guten Jobs in der Schwerindustrie und die sozialen Folgen. Und eine Migrationsgeschichte. Die hillbillies in JD’s Geschichte hatten ihre Weltanschauung, ihre Kultur aus den Bergen nach Ohio mitgenommen: Familie, Ehre, Gott, Kampf. JD Vance beschreibt, wie sehr die Befindlichkeit und die Umstände seiner Hillbillies jenen der Schwarzen aus den Ghettos der Industriestädte im Norden glichen. Vom Nebelwort «Migrationshintergrund» ist nicht die Rede, aber Vance’s hillbillies haben einen, und die Schwarzen in Detroit auch.

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JD Vance krabbelte aus der Misere nach oben. Er wurde marine, konnte so studieren, durfte nach Yale, machte den Juristen, ging nach Kalifornien, arbeitete für den «libertären» Techno-Kapitalisten Peter Thiel (Financier der extremen Rechten und ein Mann, welcher der Demokratie wenig und der Autokratie viel abgewinnt), verdiente einen Haufen Geld, heiratete eine Hyperjuristin und ging in die Politik. In der Vorwahl der Republikaner setzte er sich dank der Hilfe von Donald Trump als Kandidat für den US-Senat durch.

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Es gab ein Problem. JD mochte Trump nicht. In «Hillbilly Elegy» schreibt er, dass Trump zwar das Richtige sage, wenn er Zollschutz gegen China und Wiederaufbau der amerikanischen Industrie fordere, aber als Präsident sei er doch nicht der Richtige. Später kritisierte er ihn als gefährlichen Autokraten, angeblich sogar als «Amerikas Hitler». Das änderte sich, als JD Vance beschloss, Politiker zu werden. Er kroch zu Kreuze und gibt sich nun als Trumpist tous azimuts. Dafür erhielt er Trumps endorsement, die offene Unterstützung, aber auch seinen Hohn. Im September trat Trump an einer Wahlversammlung für Vance auf und sagte: «JD küsst meinen Arsch, so sehr will er meine Unterstützung». JD stand daneben. Wie einst als Rekrut bei den marines. Er hat die Lektion gelernt. Was ein Haken werden will, muss sich krümmen. Nix  red blooded American , sondern die Hände an der Hosennaht, der Kopf gesenkt, die Augen zu, und durch. JD ist kein hillbilly, sondern was in unseren Hügeln ein Höseler heisst.

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Sein Gegner ist Kongressmann Tim Ryan, der Demokrat. Kein Quereinsteiger wie Vance, sondern ein Berufspolitiker, auch Jurist. Ryan macht etwas, das andere Demokraten sich nicht getrauen. Er distanziert sich offen von Präsident Biden, dem unbeliebten Greis im Weissen Haus. Ryan verlangt, Biden solle in zwei Jahren nicht mehr antreten, und die Demokratische Partei solle einen jüngeren Nachfolger suchen (wohl auch pro domo: er selbst hatte 2020 kandidiert, aber früh aufgegeben). Ryan sagt, was andere Demokraten so nicht sagen. Er stellt die Wirtschaft ins Zentrum seiner Kampagne, fordert die Reindustrialisierung von Ohio mit neuen Technologien, verlangt Abkehr von der Freihandelspolitik und Schutzzölle gegen die Chinesen, Staatsinvestitionen. In den Umfragen liegt er mit Vance gleichauf, obschon Ohio ein «roter», republikanischer Staat ist. Ryan präsentiert sich als Sohn der Heimat und Mann aus dem Volk. Einer, der in harten Zeiten daheim geblieben sei, während JD bei «Wein und Käse» in Kalifornien Geld gescheffelt habe (es bleibt sein Geheimnis, warum ausgerechnet die Grundnahrungsmittel Wein und Käse als Chiffre für Luxus gelten sollen). Er nimmt den Faden dort auf, wo Donald Trump ihn hängen gelassen hat – am Hinterteil. Ohio brauche keinen ass kisser , sondern einen ass kicker, pflegt er zu sagen. Kein Arschküsser, sondern einen Arschtreter.

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Der Küsser gegen den Treter. Die Konturierung ist scharf, und der Dialog robust. Was will man mehr?