Die Überfahrt zur See sei ökologisch bedenklicher als Fliegen, heisst es. Aber das Schiff ist angenehmer. Die Widerlichkeiten der Flugreise, die Schlangesteherei, Kontrolliererei, Warterei auf dem Flugplatz sind weitgehend entfallen, die Zeitverschiebung ist in leicht verdauliche Stundenschritte portioniert, bei der Ankunft auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans bist du stresslos ausgeruht. Die sieben Tage auf See von Southampton/England nach Brooklyn sind ein willkommener entr’acte zwischen der einen Welt und der anderen. Eine Woche Atem holen vor dem Eintauchen in Amerika.


Bevor wir uns dem Reich von Donald Trump zuwenden können, will eine hängengebliebene Reminiszenz aus dem alten Kontinent entsorgt werden. Die Episode vom zweiten Maidienstag in Charlottenburg. Leibnizstrasse. Ich sitze am Trottoirtisch eines Thai-Imbisses, als ein Mann aufgeregt auf den Eingang zueilt. “Schnell, kommt heraus”. Den Anlass geben zwei Fahrradpolizisten, gelbe Westen, kurze Hosen, die dabei sind, einen auf dem Trottoir parkierten Roller aufzuschreiben. Der Aufgeregte bedeutet ihnen innezuhalten, er hole gleich den Halter. Nach kurzer Zeit stellt sich der Thai-Koch vor die Polizei, die ihm bedeutet, dass sein Gefährt falsch stehe. Der Koch versteht kein Wort. Die Kellnerin, des Deutschen mächtig, kommt nun auch heraus und übersetzt. Der Polizist fängt von vorne an, geduldig. “Der Roller steht auf dem Radstreifen und behindert die Fahrräder, das geht nicht”. Der Koch nickt. Der Polizist fährt fort: “Stellen Sie ihn doch nicht vor, sondern hinter den Baum, vor den anderen Roller, dort ist noch Platz”. Das ist immer noch auf dem Trottoir, aber neben dem Radstreifen. “Eigentlich ist das Parken überall auf dem Gehsteig verboten”, erklärt der Polizist, “aber wir üben Nachsicht”. Ein kleiner Triumph des gesunden Menschenverstands, ausgerechnet im paragraphenbesessenen Deutschland: Wo es niemanden schmerzt, darf der Gesetzeshüter ein Auge zudrücken. Vor Zeugen.

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An Bord der Queen Mary 2 mangelt es nicht an Kurzweil. Kino, Variété, Bibliothek, Gym, Bridgekurs, Aquarellkurs, Tanzkurs, Chorgesang. Und Vorträge. Pensionierte B-Lister verdienen sich hier das Zubrot als Referent. Einer davon ist Chase Untermeyer, ein ehemaliger US-Botschafter. Sein Thema ist das amerikanische Präsidentenamt, und sein Vortrag gerät zu einer weiteren Episode, die hängenbleibt. Untermeyer schildert die vielfältigen Rollen eines amerikanischen Präsidenten als Quasi-Monarch, und die damit verbundene Machtfülle, welche je nach Temperament und Zeitlauf zurückhaltend oder expansiv ausgeübt wurde und wird. Damit kommt er auf Donald Trump zu sprechen, der sich offen als Mir-nach-Führer gebärdet. Er sei nicht der erste, der seine Macht über das Gewohnte hinaus erweitere, sagt Untermeyer. Er erwähnt Theodore Roosevelt, den Zerschmetterer der grossen Monopole, Woodrow Wilson, unter dem die Einkommenssteuer eingeführt wurde, Franklin Roosevelt, der das Oberste Gericht nach seinem Gusto umzumodeln versuchte und Lyndon Johnson, der den Wohlfahrtsstaat der great society etabliert. Und Richard Nixon, der seine Übertretungen mit dem Spruch rechtfertigte, “wenn es der Präsident tut, ist es rechtens”. Nun Trump als bisher extremster Versuch einer Alleinherrschaft an Parlament und Gerichten vorbei. Auf dem Bildschirm hinter dem Rednerpult wird eine Photo des Caudillo mit seinem ersten Verteidigungsminister Mattis und seinem ersten Sicherheitsberater Bolton projiziert – beides Männer, die wegen Unbotmässigkeit “gefeuert” wurden. Untermeyer sagt, in der ersten Amtszeit hätten Leute wie Mattis und Bolton dem Präsidenten die Grenzen des Erlaubten aufgezeigt, weswegen sie entlassen worden seien. Das sei nicht mehr möglich, weil in der zweiten Amtszeit nur noch handverlesene Jasager im Kabinett seien. Die verwaltungsinterne Hemmschwelle ist geschlissen. Untermeyer schliesst nicht aus, dass Trump erneut versuche, das Militär gegen Widersacher im Innern einzusetzen. Er lässt offen, ob die Untergebenen, die ihren Eid auf die Verfassung und nicht auf den Präsidenten leisten, allen Befehlen folgen würden. Er nennt vier Faktoren, die den Durchmarsch des Caudillo verhindern könnten.Erstens ein selbstverschuldeter wirtschaftlicher Rückgang. Zweitens eine Niederlage in den Zwischenwahlen 2026. Drittens eine Verschlechterung der staatlichen Dienstleistungen, verursacht durch den massiven Bürokratieabbau. Viertens die Hybris – wenn der Führer das Mass verliert und den Bogen überspannt.

Das sind keine neuen Erleuchtungen. Das Bemerkenswerte daran ist der Redner. Chase Untermeyer ist ein Konservativer. Dank der Freundschaft zu George Bush dem Älteren ein hohes Tier in der Kriegsmarine und Chef des Staatsfunks “Voice of America”, dank der Bushverbindung Botschafter unter George Bush dem Jüngeren. Ein in der Wolle gefärbter Parteigänger der Republikaner, die Trump zweimal nominiert und gewählt haben. Noch bemerkenswerter ist die Reaktion des Publikums im vollbesetzten Auditorium. Queen-Mary-Publikum, also älteres Volk, das sich sieben Tage Auszeit leisten kann und nicht jeden Nickel zweimal umdrehen muss. Weisses Volk, die dunkleren Hautfarben sind auf die Bedienung beschränkt. Gegen das Ende seines Vortrags murmelt es ein wenig in den Rängen. Eine Frau ruft: “Sie sind voreingenommen gegen Trump”. Untermeyer erklärt, er versuche, die Dinge so objektiv wie möglich darzustellen. Damit erntet er einen gewaltigen Applaus. In diesem Saal würde Donald Trump nicht gewählt. Wahrscheinlich, weil viele Europäer dabei seien, sagt unser Freund, der Doktor aus Atlanta, der nach mehrwöchiger Italienreise auf dem Heimweg ist: “Ich habe einen einzigen Europäer getroffen, der Trump gut fand”.

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Der Versuch herauszukriegen, auf welche Nationalitäten sich die rund 2600 Passagiere verteilen, schlägt fehl. Der Informationsschalter an Bord gibt keine genaue Auskunft. Vielleicht werde ich ein E-Mail erhalten, sagt die Dame. Vielleicht. Als ich mich nach dem Treibhausgasausstoss unseres Gefährts erkundige, schaltet sie vollends auf stumm. Solche Auskünfte würden nur von der “Zentrale” beantwortet, sagt sie. Ich könne mich dorthin wenden. Gefragt, ob nicht auch andere Passagiere grüne Fragen stellten, erwiderte sie, ich sei der einzige.

Natürlich wende ich mich nicht an die «Zentrale». «Zentrale» ist Code für die Kommunikationsabteilung, und Kommunikationsabteilungen sind per definitionem nicht dazu da, die Wahrheit auszusprechen, sondern kleine Wahrheitlein so zu bündeln, dass der Auftraggeber ungeschoren bleibt. Das lässt sich ergoogeln. Die Wahrheit ist, dass Schiffe – auch Kreuzfahrtschiffe – mit Schweröl fahren. Schweröl ist die erderwärmungsmässig übelste Form, Öl zu verbrennen. Ein Schiff stösst pro Passagierkilometer fast zweimal so viel Kohlendioxid aus wie ein Flugzeug. Auf der Webseite von Cunard heisst es dazu: «Unsere Nachhaltigkeitsagenda folgt Elementen der UNO-Nachhaltigkeitsziele». Und: «Wir unterstützen die Anpassung alternativer Treibstoffe und sind dabei, neue Technologien zu testen, wenn sie verfügbar werden». Dem Jungen in der Kommunkationsabteilung, der adaptation of alternative fuels, «Anpassung alternativer Treibstoffe» erfunden hat, steht eine glänzende Zukunft bevor.