Freitag, 26. Mai, Auftakt zum langen Memorial Day Wochenende, Times Square, Menschentrauben. An der 42. Strasse kommen drei Marinematrosen in weissen Ausgangsuniformen entgegen, nicht die Rambos aus dem Kino, eher der mollige Typus. Thank you for your service, ruft eine Frau ihnen zu.
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In einem Land, wo das Berufsmilitär ähnlich hoch gehalten wird wie weiland bei Kaiser Wilhelm, kann jeder ein wenig Boss sein, der der Belegschaft den service verdankt.

Mit dem Flixbus zu A. nach Cambridge. Boston/Massachussetts, das Domizil der Spitzenuniversitäten, Biosphärenreservat des Gesunden, Veganen, Rücksichtsvollen, Umsichtigen. Am Harvard Square riecht es nach Sackgeld. Cambridge ist noch teurer als New York, ein Karton gewöhnliche Milch ist im Angebot von zero fat und lactose free schwer auszumachen und kostet über 7 Dollar die halbe Gallone. Das ist doppelt so viel wie in der Schweiz und dreimal so viel wie in Deutschland.
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Thema du jour ist hier der Kreuzzug der Trump-Administration gegen Harvard, dessen Leitung sich den Erpressungen widersetzt und sich Vergeltung gewärtigen muss. Die Regierung fordert die Abschaffung der diversity, equity and inclusion (D.E.I.) Programme, welche die Berücksichtigung von rassischen und sexuellen Minderheiten bei der Vergabe von Jobs und Studienplätzen vorschreiben, und sie entzieht unbotmässigen Hochschulen die Subventionen. Die schärfste Massnahme ist der Entzug der Visa für ausländische Studenten – rich kids, deren Ausbleiben die Hochschulökonomie empfindlich treffen wird. Vor den Gerichten, wo die Amtshandlungen des Caudillo schier regelmässig landen, ist die Sache noch nicht ausgestanden, aber der Schaden schon da. Wer lässt sich auf ein Studiengeld in sechsstelliger Höhe ein, wenn er gewärtigen muss, auf halbem Wege aus dem Land gewiesen zu werden?
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Wie gewohnt, ist die Trumpregierung daran, grotesk zu übertreiben. Die amerikanischen Eliteuniversitäten werden als Herde der gesellschaftlichen Zersetzung, Keime der woke-Ideologie, Zentren von “Sozialismus”, Brutstätten von Islamismus und Antisemitismus hingestellt. Rohes Fleisch, den Hyänen in der Gefolgschaft zum Frass vorgeworfen – ungeachtet dessen, dass der Abschluss einer Spitzenuniversität das sicherste Eintrittsbillet in eine wirtschaftlich gesicherte soziale Position im kapitalistischen Marktsystem ist.
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Wie in jeder Übertreibung steckt auch in dieser ein zutreffender Kern. Es ist wohl so, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit unangenehmen Wahrheiten – Al Gores inconvenient truths – und der Druck zur Konformität an den amerikanischen Eliteschulen grosser ist als die akademische Freiheit gebietet, mit handfesten Konsequenzen. Wer nicht spurt, kriegt eine schlechte Note. Wie A. am renommierten Boston College. A. wehrte sich gegen die herrschende Doktrin, den “Rassismus” von Weisshäutigen gegen Farbige als einzigen Antrieb für soziales Verhalten gelten zu lassen. Als sie ihre Kritik in einer schriftlichen Prüfung vorbrachte, erhielt sie einen Notenabzug, und als sie die Professorin in einer Diskussion mit der Frage konfrontierte, ob denn nicht wenigstens der Holocaust auch als “Rassismus” zu werten sei, erhielt sie zur Antwort, das habe nichts mit “Rassismus” zu tun, sondern sei “Diskrimination” gewesen. A. biss auf die Zunge, schrieb ihre Prüfungen fortan entlang der vorgegebenen Doktrinen und schloss mit glänzenden Noten ab. Wie früher die Studenten im Ostblock.
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Die Trumpisten haben das richtige Gespür: Die vorherrschende Sicht der Dinge, der mainstream, in Harvard – und nicht nur dort – entspricht ihrem Weltbild der “alternativen Fakten” nicht. Zwei Drittel des Harvard-Lehrkörpers stuft sich als “liberal” ein, und weniger als ein Zehntel als “konservativ”. Mit Effekt. Der Harvard-Professor Steven Pinker hat in der New York Times beschrieben, was es nach sich ziehen kann, wenn linker Gleichdenk Macht ausübt. Er erwähnt eine Biologin, die von der Uni geekelt wurde, nachdem sie auf der biologischen Definition von Mann und Frau beharrte, und einen Juristen, dessen Kurs abgesetzt wurde, weil Studenten es als “verstörend” empfanden, dass er vor Gericht einen Sexualstraftäter verteidigte. Antisemitismus? Ja, auch. Nach einem öffentlichen Aufschrei über die antisemitische Einfärbung der Gaza-Proteste hat Harvard in offizieller Untersuchung Fälle festgestellt und Entlassungen vorgenommen. Pinker – kein Linker – zählt aber auch auf, was an Harvard alles an nicht-konformen und un-woke, “politisch unkorrekten” Lehrmeinungen gelehrt werden kann und wird: “Rasse ist ein Stück weit biologische Realität…Der Rassismus geht zurück… Afrikaner waren am Sklavenhandel beteiligt”. Umgekehrt nennt er auch zahlreiche Beispiele, wie die “liberale Monokultur” die akademische Forschung einengt. Eines davon ist “die Zurückführung aller sozialen Unterschiede auf Rassismus und nie auf Kultur”. Pinker hat an der Hochschule einen academic freedom council gegründet und fordert mehr “aktive geistige Offenheit” von seinen Kollegen: “Ideologie ist wie der Atem: den eigenen riechst du nie”.
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Leuten wie Pinker geht es um die Sicherstellung von Meinungsvielfalt und politische Enthaltsamkeit im akademischen Betrieb (“institutionelle Neutralität”). Der Regierung in Washington geht es um Gleichschaltung. Sie hat kein Problem, wenn Literatur verboten oder religiöser Humbug (“Kreationismus”) als Lehre geboten wird. “Die Universitäten sind der Feind”, erklärte der nachmalige Vizepräsident Vance bereits im Jahr 2021.
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Im Gegensatz zu anderen Hochschulen, so Columbia in New York City, stellt Harvard sich auf die Hinterbeine, um die akademische Unabhängigkeit zu wahren. Der Subventionsentzug (rund 2 Milliarden Franken) und der Visa-Stopp werden vor Gericht angefochten. Allerdings hat Harvard parallel dazu in einer Art autonomem Nachvollzug eine Reihe von politischen Beschränkungen vorgenommen. Wie andere Hochschulen auch. Unter anderem werden die Möglichkeiten studentischer Proteste – im Visier sind namentlich die Gaza-Proteste – eingeengt. Besetzungen und Campus-Zeltstädte, wie vor einem Jahr an drei Dutzend amerikanischen Universitäten sind heute nahezu unmöglich. Das liegt nicht nur an der Hatz der Regierung gegen Demonstranten (Verhaftungen, Ausweisungen von Ausländern), sondern auch an den harschen Disziplinarmassnahmen im akademischen Betrieb, die bis zur Wegweisung von der Universität reichten.