Blatten im Lötschental ist world news , die Leute in den USA wissen vom Dorf, das in einem Gletscherabbruch untergegangen ist. Wer kennt Chimney Rock? Chimney Rock ist ein Dorf im Westen von North Carolina, an den Ausläufern der Appalachen, dort, wo bald einmal der Great Smoky Mountains National Park beginnt. Ein Touristenort hinter dem Lake Lure. Die Attraktion ist ein per Aufzug erreichbarer Felsenturm oben im Berg. Die Aussicht soll grossartig sein.
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Der Turm ist geschlossen, Chimney Rock eine Ruine. Im vergangenen September hat der Hurrikan Helene den Ort zerstört. In sehr untypischem Verlauf schob sich der Sturm aus dem Golf von Mexiko Amerika nach Norden und verweilte über den Bergen. Die Folge waren nicht nur heftige Winde, sondern gigantische Wassermassen, die die engen Täler superrasch füllten. Die Folge waren reissende Überschwemmungen, zerstörte Strassen, tagelange Stromausfälle. Die Zahl der Toten wird mit 251 angegeben.
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Nach Chimney Rock gelangt nur, wer das Signal road closed übersieht. Neben dem grossen Parkplatz brennt Licht in einem Gebäude, das wie eine Kneipe aussieht. Aber Fehlalarm, das Haus ist eine Baustelle. Ein junger Mann tritt heraus, Anthony, er ist am Sägen und Schleifen. Er sei der Chefkoch hier, sagt er, aber seit sieben Monaten mit dem Chef am Aufräumen und Wiederaufbauen. Der Broad River hinter der Strasse sei bis über die Bäume angeschwollen, sein Chimney Rock Smokehouse sei überflutet worden, aber noch glimpflich davongekommen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite, gegen das Wasser zu, seien die Häuser weggeschwemmt worden. Die Strasse weiter flussaufwärts bestehe nicht mehr. Nun wird klar, warum Lake Lure fast leer und voller Schlamm ist. Das Wasser wurde abgelassen, damit das Geschiebe aus dem Sturm weggeschafft werden kann. Es herrscht reger Lastwagenverkehr.
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In Chimney Rock sei nur eine Person ums Leben gekommen, sagt Anthony. Aber viele Geschäfte hätten alles verloren. Entlang der Hauptstrasse ist alles verschlossen, an einigen Häusern wird gebaut. Im ganzen Dorf seien nur zwei Läden funktionsfähig, sagt Anthony. Man sage, Ende Monat werde die Strasse wieder geöffnet. Wen die Sicherheitspatrouillen jetzt erwische, kriege eine Busse.
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Wer hilft? “Die Amish”, sagt Anthony. Angehörige der Amish-Sekte in Pennsylvania und New York seien gekommen, um beim Aufräumen und Aufbauen zu helfen, gratis. Das ist bekannt. Gibt es Hilfe von der Regierung, vom Staat ? “Nicht wirklich. Jeder ist allein”. Sind die Eigentümer versichert? “Nur ganz wenige. Wir sind in einem Überflutungsgebiet”. Helene war ein sogenanntes Jahrhundertereignis, vergleichbar vielleicht mit der Katastrophe im deutschen Ahrtal. Oder mit Blatten.
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Wegziehen? “Niemals”, sagt Anthony. Er ist von hier. “Hier geht keiner weg”. Etwas weiter unten im Lake Lure Inn sagt Chrissie dagegen: “Viele sind weggezogen”. Wer den Wiederaufabau nicht stemmen oder sich nicht ohne Arbeit über Wasser halten könne, müsse weg. Sie würde auch gehen: “Ich hatte Todesangst”, sagt Chrissie. Sie erlebte die plotzlich hereingebrochenen Wassermassen in einer Wohnung im zweiten Stock eines Gebäudes in Chimney Rock. Sie habe sich mit ihrem Sohn nur knapp in Sicherheit gebracht und möchte am liebsten weg. Aber ihr Mann wolle nicht. “Er sagt, es werde alles wie früher, nur noch schöner.”
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Es ist Dienstag. Im Radio ist Los Angeles das grosse Thema. Der kalifornische Gouverneur Newsom – ein Präsidentschaftskandidat in spe – wirft Präsident Trump Verfassungsbruch vor, weil er ihn nicht gefragt habe, ob er die kalifornische Nationalgarde einsetzen dürfe. Der Caudillo hat nachgedoppelt. Er bietet nun auch Marinesoldaten auf. Newsom klagt. Trump wirft ihm nun vor, die Demonstranten willentlich aufzuwiegeln. Das Foxfernsehen und die Trumpradios geifern. Chaos. Kalifornien und Los Angeles unfähig, Ordnung zu halten. Die Demonstranten schwenken ausländische Fahnen. Durchgreifen. Am Abend zeigt das Fernsehen Bilder vom Federal Triangle in New York, wo Demonstranten und Polizei handgreiflich werden.
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Anlass der Proteste ist das Vorgehen der Bundesregierung gegen illegale Einwanderer. In Supermärkten, Restaurants. Baumärkten führt der Grenzdienst ICE (Immigration and Customs Enforcement) Razzien durch. Wer sich nicht mit einer gültigen Aufenthaltsbewilligung ausweisen kann, wird abgeführt und verhaftet. Die Demonstrationen finden vor den Auffangzentren statt, von wo die Illegalen deportiert werden. Das Weisse Haus hat ICE befohlen, einen Gang höher zu schalten. Gefordert sind 3000 Verhaftungen pro Tag, zurzeit liegt die Quote bei 1000.