Richmond/Virginia war die Hauptstadt der abtrünnigen Confederate States of America, im April 1865 nach langer Belagerung gefallen und zum grossen Teil abgebrannt, nachdem die zurückweichenden rebels Feuer an Munitions- und Lagerhäuser gelegt hatten. Wenige Tage später (und wenige vor seiner Ermordung) hat Präsident Lincoln die Stadt inspiziert und die Truppen der siegreichen Union zur Milde gegenüber den Verlierern gemahnt.
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Ich besuche das “White House of the Confederacy”, wo Gegenpräsident Jefferson Davis mit seiner Familie residierte. Nicht zu verwechseln mit dem “First White House of the Confederation” in Montgomery/Alabama, das bis zur Sezession Virginias demselben Zweck diente. Ein vergleichsweise kleines Gebäude, nicht grösser als die Anwesen heutiger oberen Kader im Umland der grossen Städte.1818 von einem Bankier erbaut, war es beim Ausbruch des Bürgerkriegs in der Hand der Stadt, die es dem neugegründeten, abtrünnigen Staatswesen vermietete.
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Das Weisse Haus des Südens wird von einem gigantischen Spitalkomplex erdrückt, der es noch kleiner erscheinen lässt. Ein Museum, voll von Kram “aus der Zeit”, einige aus dem Besitz der Davisfamilie . Die Räume sind düster, dunkelviolett tapeziert. Der Mosaikboden im Foyer ist fake, Textil getränkt mit Lack – eine Art früher Linoleum.
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Man wird geführt. Ron, der Führer, ist neu, entsprechend beflissen und ein wenig nervös. Er hat ein IPad mit den Sprechnotizen in der Hand, gelegentlich zeigt er auf dem Bildschirm ein Dokument. Zum Beispiel einen vom Präsidenten handschriftlich signierte “Pass” für den Haussklaven Henry mit der Erlaubnis zu einer Besorgung in der Apotheke. Sklaven mussten einen solches Dokument mit sich führen, wenn sie den Haushalt oder die Plantage verliessen. Wer undokumentiert unterwegs war, wurde bestraft. Ähnlich wie heute. Das Detail im vorliegenden Fall: Die Unterschrift ist möglicherweise nicht echt. Ron zufolge hat Ehefrau Varina Davis die Unterschrift des Präsidenten routinemässig gefälscht, auch offizielle Dokumente. Ein früher Fall von Amtsusurpation, wie sie derzeit dem abgehalfterten Ex-Präsidenten Joe Biden zur Last gelegt wird: Die neuen Machthaber behaupten, dass Biden lange vor seinem Amtsende umgebracht und durch einen Klon oder Roboter – oder beides, die Details sind unscharf – ersetzt worden sei, der die Amtsgeschäfte mit Hilfe einer Signiermaschine geführt habe. Das ist kein Witz, sondern wurde vom Caudillo im Weissen Haus weiterverbreitet.
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Gefragt, was aus Henry geworden sei, und ob es Nachfahren gebe, antwortet Ron: “Gute Frage”. Das Schicksal von Jefferson Davis ist bekannt: zwei Jahre im Gefängnis, als Verräter und Kriegsverbrecher angeklagt, nie abgeurteilt, dank der Amnestie von Lincolns Nachfolger auf freiem Fuss. Nicht auszudenken, was mit ihm geschehen wäre, wenn er es mit den heutigen Massstäben der Rechtsprechung zu tun gehabt hätte.
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Das “Museum des Bürgerkriegs”, vor zehn Jahren mit dem an der Südstaatenromantik der lost cause orientierten “Museum der Konföderation” fusioniert, ist im alten Tredegar-Eisenwerk installiert, der einstigen Waffenschmiede der Südstaatenarmee. Es liefert einen guten Überblick über die Vorgeschichte und den Verlauf des Kriegs, der vier Jahre dauerte – etwas kürzer als der Zweite Weltkrieg und bald einmal so lange wie der Krieg gegen die Ukraine – und eine dreiviertel Million Tote auf beiden Seiten “forderte”. Der erste militärische Massenmord der modernen Geschichte. Wie zu erwarten, liegt der Akzent der Ausstellung auf Gerät und Handwerk: Die Waffen (der Süden produzierte das erste stahlgepanzerte Schiff, ein Unterseeboot), die Sägen der Amputierärzte, die Uniformen, der Proviant, der Hunger der Zivilbevölkerung, die neue Kriegführung zur See, die Propaganda. Auch der Hinweis auf die Gefangenenlager, wo die Häftlinge an Hunger und Krankheit krepierten. Es gibt frühe Photos. Auffallend: Das Lager in Andersonville, unter Schweizer Führung, wird nur ganz kurz erwähnt. Es wurde vom Auswanderer Henry Wirz kommandiert, der nach dem Krieg als eine Art Kriegsverbrecher abgeurteilt und in Washington öffentlich gehängt wurde.
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Die Sklaverei, will heissen der Konflikt um ihre Ausweitung auf die neu von den Ureinwohnern geraubten Gebiete im Westen, ist der rote Faden der Vorgeschichte. Die Ausstellung zitiert die Verteidiger der “besonderen Institution” mit Aussagen, die verblüffend an Dinge erinnern, die man an heutigen Stammtischen zu hören kriegt: Es gebe eben solche, die zum Herrschen befähigt sind und solche, die gehorchen müssen. Es gebe welche, die zu den höheren Dingen des Lebens berufen und solche, die nur das Gewöhnliche leisten können. Die Sklaverei wurde mit einer Art göttlicher Auslese gerechtfertigt, eine genetisch begründete Meritokratie, deren Auflösung Blasphemie sei.
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Es ist Sonntag. Am Abend berichtet das Fernsehen über einen Protest gegen die Aufspür- und Deportationsaktion der Bundesregierung in Los Angeles. Man sieht ein brennendes Auto und eine Schar von Demonstranten, denen ein massives Aufgebot an Uniformierten gegenübersteht. Der Präsident hat die Nationalgarde – eine nach Gliedstaaten organisierte Hilfstruppe – mobilisiert. Die Reporterin auf CNN sagt, der Protest und die Gewalt seien überschaubar. Auf Fox News wird im Stil von “law and order” diskutiert: Durchgreifen. Versagen der Stadt und des Staats Kalifornien. Ausländische Agitatoren.