Das Forth-of-July-Spektakel in “West World” hatte bull riding im Angebot, aber wir rochen eine Ratte, wie der Amerikaner sagt, wenn er Misstrauen ausdrücken will. Schliesslich befanden wir uns in Scottsdale, Arizona, Teil der in die Wüste gekleckerten Megalopolis rund um Phoenix. Scottsdale ist die etwas noblere Zone. Alternde Damen führen geliftete Décolletés spazieren, Herren ihre Pferdestärken. In der Bar gab es nichts ab Zapfhahn, nur Dosen. Bull riding in Scottsdale, so warnte die Ratte, ist Abklatsch. Wie Schauschwingen an einem Stadtfest.
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Bull riding, das zählt, findet tags darauf in Prescott statt, etwas nördlich, auch in der Wüste, “ältestes Rodeo in Arizona”, erste Austragung 1888. Eine kleine Arena, gedeckte Bühne, Parkplätze ungeteert, davor eine Batterie mächtiger Wohnwagen und die Pferche für den livestock, die Sportgeräte der cowboys und cowgirls, die sich hier messen werden. Der Eintrittspreis, general admission, ist bescheiden, die gedeckten Sitze waren online ausverkauft, aber es hat genug freie Plätze, es schaut niemand hin. Am Eingang steht “keine Getränke und keine Schusswaffen”. Kontrolliert werden die Getränke: Sir, you cannot take the water in. Waffenkontrolle gibt es keine, aber es sind auch – anders als in anderswo auf dem Land – keine offen am Gurt getragenen Revolver zu sehen. Innen ein paar Stände, die überteuerte Viktualien und Cowboyware anbieten, Hüte vor allem. Eine Dame hat eine Handtasche für Waffenträgerinnen im Angebot, mit Fach an der unverzierten Innenseite. Die Dame demonstriert den raschen Griff der Schützin zur Waffe.
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Das Rodeo bietet, was ein Rodeo zu bieten hat. Ritt auf dem ungezähmten Ross, gesattelt und ungesattelt. Bull riding, der Rittversuch auf dem Wildbullen. Calf roping, Kälberfang mit dem Lasso. Steer wrestling, bei dem ein Reiter einen Jungbullen jagt, bei den Hörnern packt, zu Boden reisst und fesselt. Eine Schar Frauen führt Kunststücke auf dem Pferderücken vor, Voltige und dergleichen. Den Anfang des Rodeo macht die Flaggenparade, neben den Fahnen der Streitkräfte (“Gott behüte sie”) vor allem Dutzende Standarten der Sponsoren. Alles mit sehr viel Patriotismus angerichtet, in der Melange mit Gott und unerhört viel Freiheit. Arizona sei der Ort, wo die Freiheit “noch” gelebt werden dürfe, ruft der Ansager, und der höchste Ausdruck der Freiheit sei die Freiheit, zum Allmächtigen zu beten. Das Gebet nimmt eine ziemliche Zeit in Anspruch, neben dem Vaterland und den Truppen im Felde müssen auch die Familien, die Familienväter, die Mütter, die Kinder, soweit erinnerlich auch der livestock in die Schutzflehe einbezogen werden. Die Nationalhymne ist fast nur Encore. Alle stehen auf. Alle haben – “Helm ab zum Gebet” – die Mütze abgenommen. Alle – ausser einem – legen die rechte Hand aufs Herz. Fast alle singen mit.
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Am Rodeo herrscht grosse Einmütigkeit, aber keine Aggression. Wie bei einem Schweizer Schwingfest. Das “noch”, neben dem die Freiheit “noch” gelebt werden darf, ist nicht greifbar. Die anderen, die zu diesem “noch” gehören, sind nicht präsent, es gibt keine Not, sie beim Namen zu nennen und auch keine, sich des eigenen “wir” zu vergewissern. Es reicht, dass der Lautsprecher den cowboy way of life beschwört. Er drückt sich in grossen Gurtschnallen, tiefgelegten Wranglerhosen und breitkrempigen Hüten aus. Die Damen tragen Stiefel unterhalb sehr kurzer Jupes.
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In der ganzen Arena war kein einziges Trump-Insignium auszumachen.
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Es ist Dienstag. Taco Day in der Kneipe. Und Taco Day in den Nachrichten. “Taco” sagen die Widersacher des Augustulus im Weissen Haus, wenn er wieder einmal eine politische Spitzkehre vollzieht: Trump always chickens out – am Ende hat er immer Schiss vor den Konsequenzen seiner Grossmaulerei. Die Frist für die neuen Zölle ist verlängert. Die Schweiz, so ist in den Schweizer Zeitungen zu lesen, habe ihren deal ausgehandelt, man sei sich mit den amerikanischen Unterhändlern einig, wieviel Lösegeld zu zahlen sei, um exportierenden Unternehmen die wirtschaftliche Verlässlichkeit zurückzugeben. Aber man dürfe nichts sagen und den Handel ja nicht verschreien, weil ER ihn noch nicht abgesegnet habe und ER verbiestert werden könnte. Die Schweiz, Regierung in Bern und Redaktionen in Zürich in gleicher Kniebeuge, führt vor, wie wenig “souverän” sie ist, wenn es um die ökonomische Wurst geht.