Ich bin quer durch Amerika gefahren, von Baltimore/Maryland nach San Francisco/Kalifornien. Habe mich etwas umgesehen, mit Leuten gesprochen, „die Medien“ zur Kenntnis genommen und mich an der Grossartigkeit der Gegend gefreut. Das Fazit, durch die persönliche Linse betrachtet und durch den Fleischwolf der eigenen Befindlichkeit gedreht: Donald Trump ist weder eine politische Eintagsfliege noch eine Verirrung. Der Trumpismus wird Amerika auf Jahre hinaus prägen.

Trumpismus heisst: Leben ist permanenter Wettbewerb und Kampf. Es gibt Sieger und Verlierer. Alle Macht gehört dem Stärkeren. Der Starke ist am mächtigsten allein. Es gibt „uns“ und „die anderen“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und den Letzten beissen die Hunde. Das ist keine neue Gedankenwelt, sondern entspricht einer tief verankerten Befindlichkeit, die sich beharrlich durch die amerikanische Geschichte zieht, bis hin zum Scheusal Roy Cohn (always hit back, never apologize), Guru des jungen Donald Trump. Meistens war derartiger Prä-Trumpismus zweiter Sieger hinter dem ebenso tief verankerten kollektiven Willen, Gutes zu tun und die Welt an den amerikanischen Segnungen zu beteiligen. Aber das Gespenst war stets präsent. 1935 dachte sich Sinclair Lewis in „It can’t happen here“ eine Hitlereske Machtübernahme aus, und die Parallelen zu den jetzigen Geschehnissen sind verblüffend. In Donald Trump hat sich politisch Bahn gebrochen, was lange angelegt war.
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Die Grundelemente des Trumpismus gehören zum amerikanischen Selbstverständnis. Sie sind keine Verirrungen, sondern „in der Mitte der Gesellschaft“ präsent – übrigens auch in den europäischen Gesellschaften. So gesehen, ist Donald Trump ein sehr amerikanischer Präsident. Deshalb wird er über seine Amtszeit hinaus nachhallen.
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Arme Amerikaner. Die politische Triebabfuhr des Anti-Amerikanismus ist ihnen verwehrt. In Europa ist er salonfähig und allgegenwärtig. Keine Tischrunde, an der „die Amerikaner“ nicht aufs Korn genommen würden, meist gerecht-, aber noch öfter selbstgerechterweise. In der Tat ist es hart geworden, der Neigung nicht nachzugeben, aber ich möchte widerstehen. Ich will kein Anti-Amerikaner sein. Ebensowenig will ich mich den peinlichen Abschied-von-Amerika-Elegien anschliessen, die die europäischen Feuilletons bevölkern. Ich schreibe bloss auf, was ich sehe und höre. Und schaue weiter zu, wie „die Amerikaner“ mit dem Trumpismus umgehen.
„Gaz-a-Lago“ in Kansas City
Wie notiert, hat eine Bekannte ein Schild „Stop the Genocide – no US arms to Israel” in den Vorgarten gestellt und ihre Freundin den Witz mit «Gaz-a-Lago» gemacht: Warum nicht ein Schild “Gaz-a-Lago” danebenstellen? Als sie den Spruch loslässt, ist die Hausherrin nicht zugegen Die beiden sprechen das Thema Naher Osten nicht mehr an. Sie sind „beste Freundinnen“ und wollen beste Freundinnen bleiben.

„Gaz-a-Lago“ zieht einem alle Löcher zusammen, weil der Scherz mit dem Liegenschaftengewerbe – Vertreiben, Abreissen, neu Bauen – zu nahe an der Wirklichkeit liegt. So geschieht es zurzeit, der Abriss ist praktisch vollzogen, jetzt werden die Bewohner vertrieben.
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Wir haben nichts gesagt. In Donald Trumps Amerika ist man auch auf der Hut vor explosiven politischen Gesprächsgegenständen, ausser man habe es auf Krach angelegt. Man beisst auf die Zähne und schweigt. Es ist keine isolierte Beobachtung. Die Leute reden nicht – nicht mehr – über das, was sie trennt. Die politischen Lager haben sich in Wagenburgen verfestigt, die keine Ausreisser dulden. Eigentlich müsste die US-Unterstützung von Israels Aushungerungs-Strategie in Gaza – beispiellos in der gnadenlosen Effizienz einer „westlichen“, hochentwickelten Militärmacht – einen Aufschrei vom Kaliber Black Lives Matter oder Me Too erzeugen. Aber es ist nichts zu verspüren. Nicht mehr: Wo Proteste sich regten, namentlich an den Universitäten, wurden sie durch Administrativmassnahmen der Hochschulverwaltungen zum Schweigen gebracht. Auf unserer Fahrt besuchten wir ein halbes Dutzend Hochschulanlagen, und an keiner war auch nur ein Pieps zu Gaza sichtbar. Die einzige politische Propaganda war ein Aufruf zugunsten der Nuklearenergie – nuclear saves nature – am Cal Poly in San Luis Obispo/Kalifornien.
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Zum Schweigen gesellt sich die Angst. In der Arbeitswelt muss einer längst aufpassen, was er politisch sagt. Neu ist, dass im Land der ungehinderten Meinungsfreiheit der Staat die Scharfmacherrolle übernimmt. Staatsdiener müssen Loyalitätsfragebogen ausfüllen, wer nicht spurt, wird entlassen, politisch Unliebsame werden an der Grenze abgewiesen. Kanadische Freunde in New York kennen einen Fall aus erster Hand. Einer Bekannten wurde die Einreise in die USA verweigert, nachdem sie beim Verhör durch den Grenzer ihre Meinung zur Trumpregierung darlegte. Seither fürchten sie, bei der Rückkehr von einem Besuch in Kanada nicht mehr eingelassen zu werden. Sie sind seit fünf Jahrzehnten als green card holders legal im Land.
“No Kings” in Atlanta
Loyalitätstests, Regieren durch Dekret, Missachtung von Gerichtsurteilen, Einsatz des Militärs gegen angebliche Umstürzler im Innern – Trump versucht sich als Autokrat. Er ist ein Caudillo lateinamerikanischen Zuschnitts. Für manche Trumpisten ist gerade das attraktiv, aber noch mehr sind seine Gegner in einem empfindlichen Nerv getroffen. Deshalb stand der grosse landesweite Anti-Trump-Protest Mitte Juni unter dem Motto „No Kings“ („Keine Könige“). In Atlanta kamen tausende auf die „Liberty Plaza“ vor dem Capitol, aber im Vergleich zu einem Trump-rally stand die Veranstaltung unter schwachem Strom. Am auffallendsten: Auf der Liberty Plaza standen fast ausschliesslich Weisse. Von der einst gepriesenen Regenbogen-Koalition keine Spur. In Selma/Alabama wurde dies bestätigt. All whites from out of town , sagte der T-Shirt-Verkäufer neben der Edmund-Pettus-Brücke, wo am „blutigen Sonntag“ im März 1965 die Bürgerrechtler mit Schlagstöcken und Tränengas am Protestmarsch gehindert worden waren. Auch hier habe eine „No Kings-Aktion“ stattgefunden, aber weder die schwarze noch die weisse Bevölkerung habe mitgemacht. Nur „Weisse von auswärts“.

„No Kings“ hat die Ratlosigkeit der Opposition gespiegelt. Politisch ist sie durch die Demokratische Partei verkörpert, die im Parlament nichts ausrichtet, weil Trumps Republikaner die Mehrheit haben und eisern zusammenhalten. Die Demokraten klammern sich an die Hoffnung, die nächsten Wahlen zu gewinnen, ihre Diskussion dreht sich um die geeignetsten Kandidaturen. Was die Wählerschaft über die blossen Persönlichkeitsfragen hinaus antreibt, bleibt unberücksichtigt. Die Ausnahme ist der alte Senator Bernie Sanders. Jahrgang 1941. Er ist die einzige glaubwürdige Stimme im Anti-Trump-Lager, die über die blosse Positionierung für die nächsten Wahlen – electioneering – hinausreicht. Sanders sagt, was er bereits 2010 sagte. In einer langen Gewaltsrede („Filibuster“) im US-Senat stellte er sich damals gegen das Budget von Präsident Obama, dem er vorwarf, die „Mittelklasse“ im Stich zu lassen. Auch gegen Trumps Budget haben die Demokraten einen „Filibuster“ veranstaltet, noch länger als jener von Sanders, der längste aller Zeiten. Aber der Filibusterer, Cory Booker aus New Jersey, signalisierte nur seinen Ehrgeiz. Seine Rede enthielt vor allem das Wort „ich“.
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Es kommt eine unbequeme Wahrheit hinzu: Ein paar Facetten des Trumpismus finden im Lager seiner Gegner heimlichen Anklang. Der Gesundheitsminister Robert Kennedy ist nicht nur der antivaxer, der die Gelder für die Impfforschung streicht, sondern auch einer, der die grossen Nahrungsmittelkonzerne aufs Korn nimmt. Er unterbindet die Verwendung künstlicher Farbstoffe und führt einen Kampf gegen den gesundheitsschädlichen Zucker. Das ist Wind in grünen Segeln. Noch mehr Zuspruch findet Trumps Kritik an den Auswüchsen der woke-Benimmmandate und sein Vorgehen gegen diversity, equity and inclusion – die ausgewucherten DEI-Programme an Unis, in Verwaltungen und Unternehmen, die Angehörige aller möglichen Minderheiten bei der Vergabe von Aufträgen, Arbeitsplätzen oder Beförderungen gezielt bevorzugen. Ich habe mehrere Trump-Gegnerinnen und -gegner getroffen, die gar nicht so klammheimliche Freude ausdrückten, dass hier ein Riegel geschoben wird.

Mamdani in New York
In New York City hat ein Überraschungsmann die Vorwahl der Demokratischen Partei für das Bürgermeisteramt gewonnen. Zohran Kwame Mamdani, Akademikersohn aus indischer Familie, Mutter Filmemacherin, ist jung, unerfahren, redegewandt, nett aussehend, als Kind aus Afrika eingewandert, Muslim. Und er bezeichnet sich als Sozialist, ohne Scheu. Do you like capitalism?, wurde Mamdani im CNN-Interview gefragt, und er antwortete not really. Der Interviewerin fiel für einen Augenblick die Kinnlade herunter. Den Kapitalismus in Frage zu stellen, ist in Amerika eine politische Todsünde, und Sozialisten gelten gerne als „Kommunisten“. Auch Senator Sanders, formell nicht Mitglied der Demokratischen Partei, ist „demokratischer Sozialist“. Er sieht die USA im Griff einer „Oligarchie“ aus grossen Unternehmungen und ihren Alliierten in beiden Parteien, mit dem Resultat einer wachsenden Ungleichheit zwischen arm und reich, verbunden mit einer schleichenden Erosion des „Mittelstandes“. Er hat – gegen das demokratische Parteiestablishment – die Auswirkungen der Globalisierung auf die unteren Schichten kritisiert, „die Ausweitung unserer verheerende Handelspolitik, damit grosse Unternehmen weiterhin amerikanische Arbeitsplätze nach China exportieren können“. Das Zitat aus dem Filibuster von 2010 könnte von Donald Trump stammen. Sie reden vom Gleichen, unter anderen Vorzeichen. Wo Sanders von „Oligarchie“ spricht, attackiert Trump von den „liberalen Eliten“, wo er den Klassenkampf von unten gegen oben in den Vordergrund rückt, appelliert Trump an das nationalistische Gefühl, Amerikaner zu sein.
„Wir Reformer“ in Andersonville
In Andersonville/Georgia, population 237, steht neben dem Haus mit dem Pepsi-Automaten eine grosse Säule mit der Inschrift „Wirz“. Das Denkmal für Henry Wirz, Kommandant des berüchtigten Gefangenenlagers im Bürgerkrieg, wo in einer unweit gelegenen Senke 45000 Gefangene der Südstaaten zusammengepfercht waren, von denen ein Drittel verendete. Ein Nachbar kommt vor die Tür, wir schwatzen. „Sie haben ihn ermordet“, sagt er. Henry Wirz, Schweizer Auswanderer aus Zürich, wurde am 10. November 1865 in Washington gehängt, einer von drei exekutierten Kriegsverbrechern im amerikanischen Bürgerkrieg. Er sei kein Kriegsverbrecher gewesen, sagt der Nachbar, sondern Opfer einer Jagd nach Sündenböcken. Für die Umstände im Lager könne Wirz nichts, schliesslich habe Unions-General Grant allen Nachschub abgeschnitten.

Das Denkmal müsste ein erstrangiges Ziel der cancel culture sein, die landauf, landab Jagd auf politisch unliebsame Architektur macht.
– Gab es Versuche?
– Nein, aber sie sind immer noch aktiv.
– Wer sind „sie“?
– BLM und Antifa.
Mit BLM meint er die im vergangenen Jahrzehnt aktiven Black Lives Matter-Proteste gegen die Polizeigewalt an Schwarzen, und mit „Antifa“ die Radaubrüder, die sich gerne als links gewickelte „Antifaschisten“ etikettieren, vielleicht ähnlich dem „schwarzen Block“ in Zürich oder Bern. Beides sind eher flüchtige, den social Media entsprungene Gebilde, die vom Caudillo im Weissen Haus als knochenharte Organisationen hingestellt und aufs Korn genommen werden.
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Wir reden über den Alltag. Vieles, was Donald Trump der Wählerschaft versprochen hat, ist in seinem ersten Regierungshalbjahr ausgeblieben. Der Benzinpreis ist nicht halbiert. Die Preise im Supermarkt sind unverändert hoch, in Cambridge/Massachusetts zahlte ich für eine halbe Gallone Milch 7 Dollar, doppelt so viel wie in der Schweiz. Auch das Jobwunder will nicht so recht vom Fleck kommen, trotz der intensivierten Hatz auf die Sans-papiers, die den einheimischen Arbeitnehmern angeblich den Verdienst streitig machen.
– Was sagen Sie dazu, dass die Verheissungen von Präsident Trump ausbleiben?
– Dafür kann er nichts. Er versucht alles, aber der Widerstand in Washington ist gross, in beiden Parteien. Wir nennen es die uni Party, die Einheitspartei. Es ist eben schwierig. Wir Reformer haben ein hartes Los.
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So hart ist das Los auch wieder nicht. Trumps Republikanische Partei tanzt nach seiner Pfeife wie die Kobra vor der Flöte. Im Parlament winkt sie seine Vorhaben selbst da durch, wo sie tiefsten Glaubenssätzen zuwiderlaufen. Krassestes Beispiel ist die Steuer- und Ausgabenvorlage, die nach allen Berechnungen (Ausnahme: seine eigenen) die eh enorme Staatsschuld in Billionenhöhe erhöhen wird. Für „fiskalkonservative“ Republikaner ist das Anathema, aber die Regierung brachte es durch Kuhhändel nach alter Washingtoner Sitte fertig, dass genügend Skeptiker einknickten.
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Trumps Gegner prangern das Gesetz als „Umverteilung von arm zu reich“ und „Steuergeschenk an die Reichsten“ an, weil es nicht nur die Schulden erhöht, sondern auch Kürzungen bei der Krankenversicherung und den Nahrungsmittelhilfen (food stamps) für die Unterschicht enthält. Aber diese schmerzhaften Massnahmen greifen erst nach und nach, will heissen nach den Wahlen – im Gegensatz zu einer ganzen Reihe von Sofortmassnahmen, die sich sehr schnell auf das Portemonnaie der weniger Bemittelten auswirken werden: höhere Abzüge für Kinderbetreuung, ein Steuerabzug für Rentner, die Steuerbefreiung von Trinkgeldern (von Trump ins Spiel gebracht und von der Opposition flugs übernommen), höhere Abzüge von lokalen Steuern.
Gott in Prescott
Vom Rodeo in Prescott/Arizona, den Frontier Days in den Prescott Rodeo Gronds, bleibt vor allem die grosse Einmütigkeit in der Erinnerung hängen. Die Veranstaltung war frei von Aggressivität, aber nicht auf ähnlich schwachem Strom wie „No Kings“. Zu spüren war die Selbstverständlichkeit des Althergebrachten, in sich Ruhenden, die es nicht nötig hat, sich selber auf die Schulter zu klopfen oder zu bewerben. Der Cowboy way of life – etwas Erfundenes, Vorgestelltes, vielleicht Ersehntes, das sich – ähnlich wie bei einem Schweizer Schwingfest – in Äusserlichkeiten ausdrückt, hier die grossen Gurtschnallen, tiefgelegten Wrangler Hosen und breitkrempigen Hüte, die Damenstiefel unterhalb sehr kurzer Jupes. In der ganzen Arena war kein einziges Trump-Insignium auszumachen. Dafür nahm der liebe Gott mehr Raum ein als erwartet. Die Schutzflehe an den Allmächtigen nahm so viel Zeit in Anspruch, dass die anschliessende Nationalhymne zum Encore verkam.
Christen in Chimney Rock
Zwar behaupten Umfragen, dass die Religiosität im Grossen und Ganzen auch in den USA abnehme, aber wo der Glaube besteht, wird er durchgreifender, fordernder, offener daher getragen. Wenn eine Gläubige dir etwas Unverhofftes mitteilt, sagt sie oft It’s a God thing. Auf der Landstrasse, wo sich kaum je ein Geschäft mit frischem Fleisch, Gemüse oder Früchten mehr blicken lässt, kommt auf jeden Dollar Store mindestens ein halbes Dutzend Gotteshäuser, in Tennessee oder Missouri ein ganzes. Mächtige Kreuze und riesige billboards empfehlen dem Reisenden die leitende Hand des Allmächtigen und seines Sohns. Zuweilen werden auch feinere Punkte der Lehre aufgegriffen. Jesus Christ ist not God, steht auf einem Plakat in Texas. Scripture says Jesus did not live before he came to earth. Gut zu wissen.
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Es ist schier unmöglich, sich über die amerikanische Besessenheit mit dem good book nicht lustig zu machen. Aber es gibt Christinnen und Christen, die ihre Glaubenssätze so ernst nehmen, dass sie sogar danach handeln. In Chimney Rock, einem durch Hurrikan Helene total zerstörten Dorf in North Carolina, erklärten die Anwohner, dass sie vom Staat wenig und von den Versicherungen noch weniger Unterstützung beim Aufräumen und Wiederaufbauen erhielten. Gefragt, ob denn niemand Hilfe anbiete, sagten zwei Geschädigte unisono: „The Amish“. Ein Bus voller Angehöriger der Amish-Sekte – ein Spross des Täufertums – sei aus Pennsylvania angereist und habe mehrere Wochen bei der Trümmerbeseitigung geholfen. Auch Fahrzeuge der christlichen Organisation Spökes of Hope waren im Dorf zu sehen.
Jesus am Radio
Das christliche Radio – auf dem road trip kommst du um das Autoradio nicht herum – bewirtschaftet solche Leute. Die Programme sind dem Menschlich-Allzumenschlichen zugetan – Kindererziehung, richtiger Umgang mit dem Ehepartner, die ausgestreckte Hand zum gefehlten Familienmitglied. Nicht selten gespickt mit hilfreichen Sonderangeboten für Nahrungsmittelergänzungen, Wunderpillen, Auswegen aus der Schuldenfalle. Wenn du an eine christliche Talkshow gerätst, wird es politisch, weit über die stets zentrale Abtreibungsfrage hinaus und immer in der Perspektive des Herrschers in Washington: „Wir“ gegen „sie“. Irgendwo vor Jackson/Tennessee referierte ein Stefano Genazino von „C-Fam“ (Center for Family and Human Rights) über die Weltlage im Allgemeinen und die Vereinten Nationen im Besonderen. Überraschenderweise lokalisiert er das Böse nicht in China oder beim Islamismus. Der Gegner ist Europa, dessen Einfluss auf die UNO entgegengehalten werden muss. Genazino predigte alles andere als Isolationismus, sondern die Erweiterung des „konservativen“ Kulturkampfs auf die Weltbühne. Zum Beispiel beim Kampf um die Ukraine: Präsident Trump habe seine Vorstellungen, den Krieg zu beenden, aber die EU und die NATO („zwei verschiedene Organisationen, aber es gibt viel Überschneidungen“) fielen ihm in den Arm. „Es gibt wirklich viel Widerstand seitens der EU, und sie sind zu einem Rivalen geworden“.
Windräder an Route 66
Im Vokabular des Reisejournalismus ist Route 66 from Chicago to LA „mythisch“ oder „ikonisch“. Dank Nat King Cole ist sie ein Fixbaustein des Great American Songbook, für Harley-Davidson-Motorradfahrer aus Europa ist sie der Camino Real. Heute ist die Strecke oft die moderne Autobahn I-40, und wo als Highway 66 erhalten, eine Ruine, ein erbärmliches Ensemble aus verlotterten Motels, geschlossenen Kneipen, vergilbten Fassadenbemalungen, alten Fahrzeugen, die von einstiger Grösse zeugen. Auf dem Vorplatz einer Garage in Tucumcari/New Mexico stehen vier Edsel.

Hoffentlich wird alles genau so belassen.

Das Auffallendste auf der Strecke ist der Übergang von Oklahoma nach Texas. In der Texas panhandle sind meilenlange Windturbinenanlagen zu sehen, grösser und zahlreicher als jene in Deutschland. Texas, immer noch ein Ölstaat und republikanisch red bis ins hinterste Fitzel, ist der grösste und am schnellsten wachsende Produzent von Wind- und Sonnenenergie der Vereinigten Staaten – für sich genommen die Nummer 5 in der Welt. Mit Umweltschutz oder Ausstieg aus der fossilen Energie hat das vermutlich wenig zu tun. Es ist eine Frage von Dollar und Cent: Wind ist billiger. Während der Caudillo in Washington bei jeder Gelegenheit die Windkraft schlecht redet, ihre mangelnde Ästhetik und den Vogelschutz beschwört (er mag die Windturbinen neben seinem schottischen Golfplatz nicht), gehen die Texaner den wirtschaftlich sinnvollen Weg, Trumpismus hin oder her.
Sprachregelung im Petrified Forest
Im Besucherzentrum des Petrified Forest National Park in Arizona führt der park service jeden Mittag archäologische Fundstücke vor. Hinter einer Glasscheibe zeigt ein freundlicher Ranger einen Knochen, zweihundert Millionen Jahre alt. Er stamme von einer Art Krokodil, sozusagen einem Abstecher auf dem Weg der Evolution, erklärt er. Als wir allein sind, können näher zurückliegende Fragen gestellt werden. Die Entlassungswelle beim Staat hat auch die Nationalparks getroffen, in den liberal media ist die Sorge über Schliessungen, Kürzungen und dergleichen gross.
- Ist das so? Wurden Kollegen von Ihnen entlassen?
Der Ranger lächelt und greift nach einem plastifizierten, beschrifteten Karton.
- Hier steht, was die Regierung mir zu sagen befiehlt. Ich soll nicht von mir aus sprechen.
Der Mann ist an die oben verfügte „Sprachregelung“ gehalten. Wir reden dennoch, ein wenig.
- Sahen Sie den jungen Mann, der gerade vorbeiging? Das ist ein Praktikant. Wir behelfen uns mit denen, sie übernehmen die Aufgaben, die wir nicht mehr ausführen können. Sie werden von den „Friends of Petrified Forest“ bezahlt. Die Kassiererin am Eingang ist auch eine Praktikantin.
Klimawandel in Piedras Blancas
Am Highway One entlang der Pazifikküste, nicht weit vom Hearst Castle, ist das Schutzgebiet von Piedras Blancas. Am Strand kann man die Seeelefanten betrachten. Träge Kolosse, aufgedunsen wie Leberwürste, neben- und manchmal aufeinander liegend, hin und wieder grunzend. Es stinkt. Die Elefanten – alles Männchen – sind in der Häutung, die abgeschälten Fetzen verrotten in der Hitze. Ein freiwilliger Ranger erläuterte, dass die Tiere nacheinander in der Bucht eintreffen, einmal die Männchen, dann die Weibchen, von hoch oben im Norden und zurück. Es werde beobachtet, dass das Verhalten sich ändere, sagte der Freiwillige. Die Zeitperioden verschöben sich. Es habe mit der Erwärmung zu tun, mit dem Klimawandel. Der Mann weiss offenbar noch nichts von den neuesten Erlassen der Regierung, die den Begriff des Klimawandels, climate change, aus allen offiziellen Verlautbarungen streicht und seinen Gebrauch untersagt.

Auch die Umweltbehörde darf das Wort nicht mehr verwenden, denn für den Trumpismus existiert Klimawandel nicht. Die Vorstellung, dass er durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe vom Menschen hervorgerufen wird, gilt als ideologische Verirrung und Indoktrination. Deshalb die Sprachregelung. Gut möglich, dass auch der plastifizierte Karton des Ranger im Petrified Forest noch ergänzt werden wird. Christliche Fundamentalisten halten die Lehre von der «Evolution» für Häresie und führen den Anfang alles Irdischen auf einen Gottesakt zurück, gestützt auf Zitate aus der Bibel. Mehrere republikanisch dominierte Gliedstaaten wollen diesen «Kreationismus» als gleichberechtigte oder Lehre gelten lassen. «Kreationisten» sagen, die Welt sei vor wenigen tausend Jahren geschaffen worden. Zweihundert Millionen Jahre alte Krokodilknochen passen nicht ins Bild.
Markenpflege im Hudsontal
Konversation mit dem Gewährsmann für Trumpismus im Hudsontal. Idylle in einem zweihundert Jahre alten Farmhaus, ohne Heizung, aber wunderbarer porch, Kuh auf der Weide, Hühnergegacker, Riesengarten. Der Hausherr ist ein ausgestiegener Professor, Harvard-Doktortitel, gescheites Haus, erbitterter Feind alles Staatlichen und Gesellschaftlichen, Trump-Anhänger der ersten Stunde. Ein Kauz, liebenswert.
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Wir beginnen mit dem Fall Epstein. Eine Spältlein im Panzer des Trumpismus: Der New Yorker Milliardär Jeffrey Epstein hatte sich mit minderjährigen Mädchen verlustiert, diese auch an Freunde aus der globalen Elite verkuppelt, war deswegen strafverfolgt und kam in der Untersuchungshaft auf ungeklärte Weise («Selbstmord») ums Leben. Das Trump-Universum drehte monatelang im Roten, witterte die Verdunkelung eines Menschenhandels unter der verhassten Oberschicht, rief nach Veröffentlichung des gesamten Dossiers. Auch Kandidat Trump, aber die Regierung Trump ziert sich, denn der Präsident war ein Freund von Epstein, und seit er im Amt ist, fordern nun seine Gegner volle Offenlegung. In klassischer Anwendung von guilt by association wird insinuiert, der Caudillo habe von Epsteins Jungfleischangeboten zumindest gewusst oder gar profitiert. Auch der verschwörungs-affine Teil seiner Anhängerschaft lässt nicht locker.
- Was denkst Du über den Fall Epstein?
- Ich weiss nicht, wir müssen sehen, was da rauskommt.
- Wir wissen doch schon einiges.
- Epstein war ein Menschensammler. Er hatte es darauf angelegt, interessante und mächtige Menschen um sich zu sammeln, und da setzte er eben junge Mädchen als Lockvögel ein, um seine Parties attraktiv zu machen. Das geschieht immer wieder.
- Ich kenne keine einzige Person, die so vorgeht, und ich weiss von niemandem, dass er jemanden kennt, der das macht.
- Du hast eben keine Ahnung. Du kommst aus einem Dorf in der Schweiz, da weiss man nicht, was in der Welt vorgeht.
Das Gespräch wandert von Epstein zu Trump.
- Was sagst Du zur Gleichschaltung in der Regierung und in der Republikanischen Partei? Wer nicht spurt, muss weg.
- Die Partei setzt nach dem Wahlsieg ihre Macht durch. Das ist normal.
- Was sagst Du zum Verhalten des Präsidenten? Er übertreibt, sagt offenkundige Unwahrheiten, hält sich nicht immer an Vereinbarungen. Das ist doch schlicht ein Gauner.
- Trump is a brand. Das gehört zur MarkeTrump.

Fazit
Donald Trump eine «Marke», so etwas wie der Levi Strauss oder das Coca Cola der Politik. Der Markenträger kann nicht anders als dem Image im Markt zu genügen. Zu Levi Strauss gehört die Niete, zu Donald Trump die Widerlichkeit. Und zur Marke gehört die Markenpflege. Von der corporate identity darf nicht abgewichen werden. Wer Trump wählt, muss Trump nehmen, wie er ist. Und Trumpisten nehmen ihn, warts and all. Solange die Richtung stimmt.
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Wenn das so ist, kommt es auf Verbündete nicht mehr an. Great Again, ist Amerika auf sich selbst gestellt. Die Reihen müssen geschlossen bleiben, Petitessen wie überteuerte Milch oder ein noch nicht halbierter Benzinpreis erlauben keine Abweichungen. Umso weniger, als die dunkleren Prophezeiungen der Gegner gar nicht eingetroffen sind. Die amerikanische Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen. Die Inflation steigt nicht ins Unerträgliche, ebensowenig die Arbeitslosigkeit, auch wenn die Zahlen weniger Morgenröte anzeigen als verheissen. Und im Aussenpolitischen hat Trump einen Lauf. Amerikanische Friedensstiftungen sind zustande gekommen, vielleicht weniger wert als verkündet, aber die Waffen schweigen zwischen Indien und Pakistan, zwischen Thailand und Kambodscha, zwischen Rwanda und Kongo, zwischen Aserbaidschan und Armenien. Die Bombardierung von Iran hat den ewig beschworenen „Flächenbrand“ nicht entfacht, und in der Ukraine sind neuerdings die Dinge in Bewegung. Der Rechtstalk am Radio wird nicht müde, diese Leistungen herauszustreichen. Der Friedensnobelpreis wird dem Publikum vorgehalten wie eine Wurst einem Hund.
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Der Caudillo ist im Begriff, zum Imperator zu werden. Wohl nicht gerade ein Augustus – aber ein Augustulus schon.