Lieber R,
Ich bin dir noch die Schwingfesteinlassung schuldig. Aber seit dem Eidg. Schwing- und Älplerfest, neuerdings «ESAF», ist bereits eine stattliche Herde grösserer Kühe durch das Dorf getrieben worden: Das Geächze um die Epstein-Files ist amüsant, der Rest eher weniger. Die Russen greifen nun Polen an, und in Amerika wird offenbar versucht, dem Trumpismus mittels Scharfschützen Einhalt zu gebieten. Charlie Kirk. Ich bin weit von der legendären “klammheimlichen Freude” entfernt, die ein anonymer Schwurbler seinerzeit nach der Ermordung des deutschen Bundesanwalts geäussert hat (sein Pamphlet “distanzierte” sich in einer Weise von der linken Totschlag-Strategie, die stark an die Windungen der Trumpisten im Fall Epstein erinnert). Aber ich gestehe, dass die Erschütterung mir abgeht, die nun von den öffentlichen Äusserungen gefordert und abgeliefert wird. Was jetzt abläuft, erinnert an eine weitere Parallele zu den dreissiger Jahren: Horst Wessel. Das war ein Berliner SA-Mann, der 1930 von zwei Kommunisten erschossen und von der NS-Propaganda zum Märtyrer der Bewegung gemacht wurde. Sein Lied “die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen” wurde zur Parteihymne der Nazipartei erklärt. Charlie Kirk ist der Horst Wessel des Trumpismus. Als willkommener Märtyrer der Bewegung ein Brandbeschleuniger im Kampf gegen die “radikale Linke”. Wer aufmuckt, hat seit dem gezielten Todesschuss von der Utah Valley University noch eine Spur weniger zu sagen. Bereits werden erste Entlassungen wegen unbotmässigen Kommentaren gemeldet. Die Fahnen stehen auf Halbmast. Auch die National Football League hat eine Schweigeminute verordnet.
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Damit sind wir beim Sport. Ich befand mich auf einem Veloausflug (“Radtour”) durch Norddeutschland und Dänemark und deshalb nicht in Mollis/GL. Meine Begleiter, Amerikaner ohne Bezug zum alpinen Spiel (so, it’s two guys wearing diapers and the loser gets pointst, too?) waren nicht zu längeren Unterbrechungen zu bewegen, weshalb ich nur zur Mittagsrast sowie vor und nach der Etappe in die Live-Übertragung schauen konnte.
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Blöderweise liess ich das Eröffnungszeremoniell nicht aus. Der Einmarsch der Teilverbände, normalerweise zu Blas- und Marschmusik (“Fanfare du Printemps”, Estavayer, weisst Du noch?) wurde mit musikalischem Arena-Schlock untermalt, leerem Getöse, wie es Action-Filme, grössere Preisverleihungen oder Misswahlen begleitet. Immerhin war der Bernermarsch in Konturen erkennbar. Noch schlimmer wurde es bei der Nationalhymne. Ich weiss nicht, ob sie bei der Eröffnung von Schwingfesten immer vorgetragen worden ist, aber wenn, dann nicht so wie in Mollis. Ich räume ein, dass ich voreingenommen bin. Ich mag die überhandnehmende Hymnelei nicht. Ich bin immer ein bisschen, sagen wir “befremdet”, wenn Amerikaner bei jeder Gelegenheit die Stars and Stripes aus der Schublade ziehen und dabei aufstehen und die Hand aufs Herz legen. Ich finde es ausnehmend positiv, dass die Schweiz nur eine “provisorische” Landeshymne hat, und ich habe jedes Mal Freude, wenn Nationalfussballer vor Beginn des Spiels die Lippen geschlossen halten, wenn sie abgespielt wird. In Mollis nun stand nicht nur ein Jodlerklub in der Arena, um den “Schweizerpsalm” anzustimmen. In seiner Mitte stand der Berner Popmusiker “Göla”, nicht im Kühermutz, sondern in einer Art Russenjoppe, weder Fisch noch Vogel , kurzbeinig, glatzköpfig und etwas fett stand er da und sang, und mit ihm die 56000, viele die Hand auf dem Herzen wie Amerikaner.
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Ich fand das abstossend, weil zu dick aufgetragen, zu plump, zu sehr in your face, und zu offen anbiedernd an die fiese Heimattümelei, die von der Partei Deines Zürcher Freundes K. zynisch vernutzt wird. “Gölä” ist der musikalische Ausdruck davon. Er sei so etwas wie Bruce Springsteen auf Schweizerdeutsch, erklärte der Fernsehkommentator, ganz ergriffen. Er ist ein Lappi. “Göla” hat mit dem Boss so wenig zu tun wie eine Blindschleiche mit einer Königskobra. Wenn 55000 Schweizer mit “Gölä” die Nationalhymne singen, stehend und die Hand auf dem Herzen, muss man erschrocken sein, nicht ergriffen.
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Ich schaute dann weiter, vor und nach den Etappen und zur Mittagsrast. Ich sah, wie Wicki gegen Collaud um den Sieg betrogen wurde, sah den spektakulären Sieg von Armon Orlik gegen Reichmuth und den nicht so spektakulären Schlussgang. Wie zu erwarten, gab die Rangierung zu reden. Wie Du weisst, ist Schwingen kein Sport, bei dem auf das Hundertstel genau gemessen wird, sondern ein Spiel, beim – so ist die Schweiz – ausgehandelt, abgewogen, gekuhhandelt, geschlunggt und hin und wieder auch ein bisschen gedreckelt wird. Gottlob hatte das Kampfgericht zum voraus bestimmt, dass derjenige mit der höchsten Punktzahl auch der “König” und nicht nur der “Erstgekrönte” sein werde. Das war nicht eindeutig – für meine amerikanischen Begleiter unverständlicherweise. So ist Armon Orlik nun Schwingerkönig. Nach Schläpfer der zweite Studierte. Orlik ist Holzbauingenieur. Er ist Mitglied der Lobbyorganisation “Pro Velo”, die sich für Radwege und dergleichen einsetzt. Er kommt nicht als Volkstümler daher, sondern als ein Besonnener, der zuerst überlegt, bevor er spricht.
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Thun in drei Jahren? Ja – aber ohne Einmarschzeremonie.