Wenn du schon in der Gegend bist…. Klar gehört Dodge City auf die Route. Dodge City im Südwesten des Gliedstaates Kansas war die “Frontier”-Stadt des Wilden Westens par excellence, bekannt von Film und Fernsehen (“Dodge City”, 1939, Errol Flynn, Olivia de Havilland). Verladestation der Kuhherden, die aus dem Süden zur Bahn getrieben wurden, Sündenbabel. Schauplatz legendärer Schiessereien im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts und Szenerie von Wildwesthollywood im zwanzigsten. Wyatt Earp. Bat Masterson. Doc Holliday. Matt Dillon.

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Vom seinerzeitigen Dodge City ist kaum mehr etwas zu sehen. Alles abgebrannt, sagen Einheimische. Das Städtchen (30000 Einwohner) unterscheidet sich nicht von anderen Orten derselben Grössenordnung in Amerikas grosser flacher Mitte. In einem “historischen” Geviert stehen Statuen von Revolverhelden und Bildschirmgrössen, Wyatt Earp, Doc Holliday, Matt Dillon. Auch eine grosse Longhornkuh. Auf einer Schautafel ist zu erfahren, dass die Stadt 1872 gegründet wurde. Vorher gab es nur das etwas ältere Fort Dodge der US-Armee in der Nähe, nach dem Ende des Bürgerkriegs zum Schutz der nach Westen drängenden Siedler vor Angriffen der Ureinwohner errichtet. Aber im Frühjahr 1872 hatte ein indiger Kanadier erfahren, dass die Eisenbahnstrecke bis hierher geöffnet werde. Er roch das Geld der Kuhhirten, die den cattle drive nun nach Dodge City treiben konnten und Bedarf nach Whisky und Weibern hatten. Der Kanadier machte einen Laden auf, innert Tagen stand ein Zeltdorf, und drei Monate später war der Ort incorporated – formal gegründet. So schnell ging es im Wilden Westen, wenn Geschäfte in der Luft lagen.

Um eine Ahnung vom Ruch der Vergangenheit zu erhalten, muss man ins Boot Hill Museum. Am Fuss des alten Friedhofs ist dort die Strassenzeile der einstigen Main Street nachgebaut, Drug Store, General Outfitting, Barbier (tonsorial parlour) und Saloon mit der Originaltheke aus dem Long Branch Saloon. Für die 10 Dollar Eintritt kriegt man auch einen richtigen gunfight – echte Waffen, Platzpatronen – nachgeahmt. Kurz nach Mittag torkelt einer aus dem Saloon, dann ein zweiter, es kommt zum Faustkampf, der eine schiesst auf den anderen, der Sheriff tritt auf und verhaftet den anderen, eine Gruppe von Cowboys befreit diesen aus der Haft, der Sheriff kommt mit Verstärkung, es schiesst von beiden Seiten. Pulverdampf. Am Schluss ist der Sheriff verletzt, und der Rest liegt am Boden, bis auf einen. Da tritt das Flintenweib aus dem Saloon und streckt diesen auch noch nieder. Ende der Vorstellung, die Schauspieler ermuntern das Publikum, sich mit ihnen abbilden zu lassen (im Preis nicht inbegriffen).

In den Gebäuden der fake Main Street sind die Zeugen der Vergangenheit ausgestellt. Eine grosse Waffensammlung, die Räume des Schuhmachers, Apothekers, Arztes. Im Saloon die Bühne der Animierdamen. Die Schautafel legt Wert auf die Feststellung, dass nicht alle Saloon Girls von der käuflichen Liebe lebten, “im Gegensatz zu dem, was in den Hollywood-Western gezeigt wird”. Das Thema erhält ziemlich breiten Raum. Die meisten der soiled doves seien “gewiefte Geschäftsfrauen” gewesen, die sich die “Marktbedingungen des Westens zunutze machten”. Zum Preis der sozialen Unberührbarkeit: you can look homeward honey, but you can never go back again”, ist eine der Schautafeln überschrieben.

In einem Nebengebäude hängen die Plaketten der Cowboy Hall of Fame von Kansas an der Wand. Das Büro des letzten US-Marshals von Dodge City ist dort zu sehen, 1990er Jahre, Pferdesattel, 45er Colt, Handschellen. Eine nachgebaute Wohnstube aus den fünfziger Jahren ist “Gunsmoke” gewidmet. So hiess die Radio- und TV-Serie, die im alten Dodge City spielte, lange Jahre die erfolgreichste US-Fernsehserie überhaupt. Photos zeugen von Besuchen der Schauspielerinnen und Schauspieler in der Stadt (gedreht wurde in Thousand Oaks in Kalifornien). Auch Matt Dillon war hier – genauer gesagt James Arness. Denn Matt Dillon hat es in der wirklichen Wirklichkeit nie gegeben. Er war die Hauptrolle in “Gunsmoke”, gespielt von Arness.

Doch was ist schon wirklich?
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Der Historiker Elliot West hat in in seiner Geschichte des amerikanischen Westens (“Continental Reckoning – the American West in the Age of Expansion) zerpfückt, was er “den Testosteron-Westen” nennt. Einerseits waren die rauhbeinigen Kuhhirten, Goldsucher und Glücksritter angesichts der karg vorhandenen Weiblichkeit zu “homosozialen Aktivitäten” gezwungen (West zitiert die Beschreibung eines Tanzanlasses, bei dem ein auf “eine gewissen Stelle des Unaussprechlichen” genähter Flicken bestimmte, wer als “Lady” mitmachte). Anderseits nährten sie die Phantasie von “literarischen Touristen”, welche die cowtowns als Freiraum für alles Erdenkliche und Verbotene hochschrieben, “Raufen, Huren, Saufen”. Ein Ballermann des 19. Jahrhunderts. Was Schiessereien und Erschiessungen betrifft, seien die Mordraten im Westen zwar deutlich höher gewesen als in den Städten des Ostens, schreibt West. Aber die von Film und Schund kolportierten Vorstellungen seien “stark übertrieben”.
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Oben im TV-Wohnzimmer des Museums stand ein Mann vor der Vitrine mit “Gunsmoke”-Reliquien und betrachtete eine Schüssel. “Das ist wahrscheinlich die echte, die aus der Show”, sagte er ehrfürchtig zu seiner Frau.
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In Dodge City verschmelzen die “reale”, die vorgestellte und die eingebildete Vergangenheit zu einer einzigen Wirklichkeit.
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Fake news ist old news.