Abilene stand seit langem  auf der Reiseroute. Nicht Abilene/Texas, sondern Abilene/Kansas, boyhood home , Grabstätte und Präsidialmuseum von Dwight Eisenhower, dem Oberkommandierenden der Alliierten im Weltkrieg und US-Präsidenten von 1953 bis 1961. Wie sich herausstellen sollte,  passen die beiden Abilene in diesem politischen Vorwahljahr nicht schlecht zusammen.

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Der Abstecher nach Abilene/Texas ergab sich wegen James Talarico, der dort für Dienstag, 13 August einen Halt seiner “New American Dream Tour” angesagt hatte. Talarico ist der Kandidat der Demokratischen Partei  für den US-Senat. Der Überraschungsmann der Saison, jung, links und dazu theologisch ausgebildeter Christ. Das ist eine neue und seltene Kombination im Land, wo die Christen konservativ denken und Trump wählen. Also die Mähre gesattelt und aufgestiegen, 550 Meilen südwärts, durch immer dürrere Weiten und wachsende Hitze nach Texas.

Vor dem Mesquite Event Center stehen sie schon eine Stunde vor dem Einlass, eine lange Schlange von Wartenden windet sich rund um den Parkplatz. Es ist heiss, 40 Grad Celsius, junge Helfer bieten Wasser an, eine Frau wird ohnmächtig. “Solange er keine Flinte hat und nicht stinkt, kann jeder kommen”, hatte  der Angestellte des Event Center erklärt, als wir uns nach Zutritt erkundigten, und es kamen viele, 800 wird der «Abilene News-Reporter» berichten . “Das  wird hier zu reden geben”, sagt meine Warteschlangenachbarin, eine alte Dame, Zeichnungslehrerin («ich habe 40 Jahre an der Schule und 22 Jahre im Gefängnis unterrichtet»), sicher Mitte achtzig.  “Das sind mehr als bei Beto”. Beto O’Rourke war der letzte Hoffnungsträger der Demokraten in Texas, kein erfolgreicher. 2018 verlor er die Wahl in den US-Senat, 2022 jene zum Gouverneur. Seit dem nachmaligen Präsidenten Lyndon ist kein Demokrat aus Texas im US-Senat gesessen. Das war 1960.

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Jetzt also steht  James Talarico im Ring. Jahrgang 1989, Harvard-Master in “education”, zwei Jahre Englischlehrer einer 6. Klasse an der Rhodes Middle School in San Antonio, dann Geschäftsführer einer Nonprofit-Organisation, seit 2018 Abgeordneter im Parlament von Texas. In der Vorwahl stellte er sich gegen die US-Abgeordnete Jasmine Crockett, eine lautstarke Polter-Rhetorikerin  aus Houston. Sie schwarz, er weiss. Er progressive, das heisst links im Parteispektrum, sie auch links, aber anders etikettiert («common sense»). Talarico siegte deutlich mit 52 gegen 46 Prozent der Stimmen.

Die Halle ist voll. Die Musik spielt Countryzeug und “Revolution” von den Beatles. Die Einheizerin preist «people power» und verlangt community building. Wir müssen mehrere Minuten aufeinander zugehen, uns in die Augen schauen und miteinander reden. Wie in den amerikanischen Gottesdiensten. Dann tritt Reverend Taylor auf die Bühne, schwarz in schwarz. Er spricht  im Duktus des schwarzen Predigers, ernst, gemessen, eindringlich, mächtige Wortwolken ausstossend. “Korruption ist eine Sünde”. “Schwindler praktizieren die dunkle Kunst der Verführung”. “Die Religion der Bigotterie breitet sich aus”.  Dabei  ist Politik eine “moralische Berufung”. Der gute Politiker würzt seine Rede «mit dem Samen der Gnade, nicht mit dem Gestrüpp der Bitterkeit». Es geht um “Charakter, nicht um Ehrgeiz”.

Auftritt James Talarico. Weisses Hemd, offen, schwarzer Veston, dunkle Jeans, die obligaten Stiefeletten, nett frisiert, Bubengesicht, für texanische Verhältnisse eher kurz gewachsen. Eine freundliche Erscheinung. Als erstes sagt er zum Reverend Taylor: “Danke, dass Sie uns in die Kirche geführt haben”. Es bleibt die einzige Referenz an den Christenglauben, was folgt ist Diesseits. Talarico beginnt seinen Vortrag mit Augusta, einer Putzkraft auf dem Flughafen von Fort Worth. Ihr Löhnlein reicht nicht aus, um über die Runden zu kommen, sie steht vor der Zwangsräumung, und wenn sie die leeren Flugzeuge reinigen muss, stellt ihr die Fluggesellschaft die Air Condition ab, um zu sparen. Eine Schande. “Im US-Senat werden wir Augusta helfen”, sagt Talarica. We will have her back. “In Amerika soll man imstande sein, ein gutes Leben zu haben”.

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Das “gute Leben”: Jetzt sind wir plötzlich in ganz nahe bei Abilene/Kansas. “In der Mitte des 20. Jahrhunderts haben wir in die Menschen investiert, Autobahnen, Wohnungen und Schulen gebaut”, sagt Talarico. Das waren die fünfziger Jahre, die Eisenhower-Jahre. Eine Ära beispiellosen wirtschaftlichen Wachstums, dem sich der Westen nach der Erschöpfung der Weltkriege hingab. In den Vitrinen des Eisenhower-Museums von Abilene/Kansas sind die Belege ausgestellt: Fernseher, Küchengeräte, Autoverkaufszahlen, die Attribute der aufsteigenden Mittelklasse. Und heute? “Wir können uns kein Heim mehr leisten, aber Jeff Bezos hat mindestens zehn. Wir können uns nicht mehr leisten, den Tank zu füllen, aber Zuckerberg landet Helikopter auf seiner Yacht. Die drei grössten Milliardäre besitzen mehr als die ganze Mittelklasse”.

Nun wird James Talarico deutlich. Nach den Angriffen auf die Multimilliardäre geht es gegen das wirtschaftliche System, das die klaffende Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft möglich macht:  “Trickle-down-Wirtschaft ist keine Theorie, sondern Diebstahl.” Es fällt das Wort von der affordability – der “Erschwinglichkeit”, welche  die Demokraten als Kernanliegen in den Wahlkampf tragen. “Die grossen Wirtschaftsinteressen zinken das Spiel. Wir haben eine Erschwinglichkeitskrise, weil wir eine Korruptionskrise haben.” Der Markt funktioniere nicht, sagt Talarico. Man habe es nicht mit Kapitalismus, sondern mit “Kumpelkapitalismus” zu tun: “Wir werden beschissen. Egal, ob wir etwas liberaler oder etwas konservativer sind, wir werden alle beschissen. Die sehen nicht Rot oder Blau, sondern Grün.” Nicht die Parteifarben, sondern die Farbe der Dollarnoten hätten die Milliardäre im Sinn, die “das System gekauft” haben. “Der wahre Konflikt in diesem Land ist nicht links gegen rechts, sondern oben gegen unten”.

Nun folgt der Zettel der Forderungen: Mehr Mindestlohn, Rücknahme der Trump-Steuervergünstigngen, dafür Steuererleichterungen “für die Mittelklasse”, Streichung der Schulden auf medizinischen Leistungen, Deckelung der Zinssätze bei Kreditkartenschulden, mehr Geld für den Hochschulbesuch. Die Beendigung der “endlosen Kriege” ist der einzige Ausflug in die Aussenpolitik. Doch auch die Schliessung der Defizitlücke im Bundeshaushalt will Talarico anstreben, und “die Bundesschuld anpacken”. Und er verspricht den “Kampf gegen die Datacenter”. Das ist eines der neu aufgebrachten Themen in den Vorwahlkämpfen. Die riesigen Datenverarbeitungsanlagen, die in den USA aus dem Boden schiessen, um den Hunger der nächsten Computergeneration zu stillen, erregen weitherum Misstrauen, Unmut und Widerstand, und Abilene ist Standort des grössten Komplexes im Land. Zum Schluss erinnert Talarico t daran, dass er um den ehemaligen Senatssitz von Lyndon Johnson kämpft, der die grossen Sozialprogramme der sechziger Jahre, die great society,  durchgesetzt hatte. Dort müsse man wieder hin. Zurück  zum amerikanischen Traum: “Wenn du hart arbeitest und die Spielregeln befolgst, kommst du voran”.

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Der Name “Donald Trump” fällt in der ganzen Rede nicht ein einziges Mal. Dafür jener des republikanischen Gegenkandidaten Ken Paxton. Das sei “der korrupteste Politiker”, der Geld von den Datencentermogulen angenommen habe: “Paxton arbeitet nicht für uns, er arbeitet für seine Spender”.

Ist das links? Für die konservativen Radio-Talkshowmaster und die republikanische Partei sind Leute wie James Talarico “Sozialisten” und “Kommunisten”.  Wird sein people-powered movement, seine “Volksbewegung” Schwung genug entwickeln? Funktioniert der linke Populismus der progressives ? In James Talaricos Rede geht nicht alles auf. Die Richtung stimmt. Es geht um die Rückkehr zu einem Wirtschaftsverständnis, das vom «New Deal» der dreissiger bis zur «Reagan-Revolution» der achtziger Jahre galt. Der Wirtschaftsjournalist David Leonhardt hat es in einem grossen Rückblick («Ours Was the Shining Future: The Story of the American Dream»)  als “demokratischen Kapitalismus” beschrieben: «eine Massenbewegung, die auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage für die Mehrzahl der Amerikaner abzielt”. Kandidat Talarico wird erklären müssen, wie er Schliessung des Bundesdefizits und den Abbau der Bundesschuld unter einen Hut mit seinen sozialpolitischen Forderungen bringt. Für die Besucher im Mesquite Event Center geht es nicht darum. “Die Leute haben die alte Garde satt”, sagt Brian, ein Mittvierziger, auf die Frage, was Talarico attraktiv mache. Eine junge Lehrerin antwortet mit einem Wort auf dieselbe Frage: “Paxton”. Der Gegenkandidat Ken Paxton, derzeit Justizminister von Texas,  steht in der Gnadensonne von Donald Trump, was ausreichte, um in der Vorwahl den Parteifreund John Cornyn, bisheriger Senator und scheuer Trump-Kritiker, wegzukegeln. Dies, obwohl er wegen Aktiengeschäften in Gerichtsverfahren und ein Amtsenthebungsverfahren verwickelt war.  “Er ist schrecklich”, sagt die junge Lehrerin. “er hat auch seine Frau betrogen. Viele Republikaner werden ihn nicht wählen”.

Die diesjährigen Wahlkämpfe kennen keine Sommerpause. Nach der Vorwahl ist vor der Hauptwahl, die Kandidaten gehen ohne Atempause aufeinander los. James Talaricos jüngster TV-Spot greift auf einen zehn Jahre zurückliegenden Vorfall zurück, als Ken Paxton von einer Kamera ertappt wurde, wie er einem Kollegen den Montblanc-Füller vom Band der Sicherheitskontrolle klaute.  Team Talarico zeigt den Clip und lässt den Bestohlenen  mit einem Wahlaufruf auftreten. Die Werbebotschaft: “Vote for James Talarico. He won’t steal your pen.” Er klaut dir nicht den Füller.

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Affaire à suivre.