Unterwegs. Geplant ist, bis zum Wahltag am 3. November kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten zu streifen, die Temperatur zu nehmen, den Puls zu fühlen, etwas am Gerippe zu klopfen. Kick the tires. Nicht zuletzt mit Blick zurück übers Meer nach Osten, nach Europa, wo allen Aufrappelungsversuchen zum Trotz weiterhin viel vom Geschehen in Amerika bestimmt werden wird : wieviel Verständnis für eine “westliche” Schicksalsgemeinschaft ist noch vorhanden? Wieviel zählt dem Amerikaner, was den Europäer kümmert? Was bewegt die Amerikaner ? (LESEHILFE: Ich verwende das generische Maskulinum, ausser wenn ich das Gefühl habe, eine Geschlechterdifferenzierung sei am Platz). Was hat ein Jahrzehnt Trumpismus – die mélange aus Nationalismus, Protektionismus und “Raubtierkapitalismus” (Jean Ziegler) – bewirkt? Wieviel davon wird bleiben, wenn der 80 Jahre alte  Caudillo das Weisse Haus geräumt hat? Wo ist die Alternative? Welchen Stellenwert haben die jüngsten Wahlerfolge der Linken?  Der Blickwinkel ist von unten. Ich reise bescheiden, rede mit den Leuten, die ich in den Malls, in den Bars, in den billigen Absteigen, den Raststätten, den Imbissen antreffe. 100 Tage so unterweigs: Das ist weniger, als die Edelberichterstatter mit den dickeren Spesenkonten und dem “Zugang” zu den ersten Adressen vermögen. Und es ist mehr als “Auslandkorrespondenten” noch dürfen. Sie sitzen in Washington, D.C. vor den Bildschirmen, um mit den “Heimredaktionen” in Zürich gleichauf zu bleiben und nicht zu verpassen, was die an ihren Bildschirmen ebenfalls sehen.

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Die conventional wisdom sieht den Anti-Trumpismus im Vorteil. Es ist die Saison der Opposition, falls eine vorhanden ist und sich formiert. Die Beliebtheitswerte des Caudillo  liegen weit unten, zudem pflegt die regierende Partei altem Muster zufolge in den Zwischenwahlen ohnehin zu verlieren. Und Zwischenwahl haben wir. Im November wird das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt. Zurzeit sind Vorwahlen, in denen Kandidaten der beiden Grossparteien bestimmt werden, die im November gegeneinander antreten. In einigen Gliedstaaten haben Linke in der Demokratischen Partei obsiegt, namentlich in Michigan, wo der Arzt Abdul el-Sayed, Sohn ägyptischer Einwanderer, die Wahl zum Kandidaten für den Senat gewann und William Lawrence, Gründer der Klima-Bewegung Sunrise Movement, für das Repräsentantenhaus nominiert wurde. Das Bild ist nicht eindeutig. In anderen Vorwahlen haben Kandidaten der “Democratic Socialists of America” verloren.  Im anderen Lager, bei den Republikanern, hat Präsident Trump die Partei weiterhin mehr oder weniger im Griff. Die von ihm unterstützten Kandidaturen haben sich grossmehrheitlich durchgesetzt, in vielen Fällen genügte die Drohung einer trumpistischen Gegenkandidatur, um weniger begeisterte Anhänger zum Rücktritt zu bewegen.

Erste Eindrücke: New York City bleibt schweineteuer, ein Einkauf im “Food Emporium” an der 43. Strasse zieht mehr Geld aus dem Sack als derselbe im Schweizer. Von der Halbierung des Benzinpreises, die Kandidat Trump innert Jahresfrist verheissen hatte, ist nichts zu sehen. Und es mag täuschen: Aber auf der Fahrt  Richtung Westen triffst du weniger Amerikafahnen als üblich, die gigantischen Modelle vor den Autohändlrern sind nahezu selten. Dafür erblicken wir an der Interstate 70 Riesentafeln mit der Aufschrift “Help Pennsylvania not billionaires”. Auf einem billboard steht “MAGA – a national embarrassment”. Das ist gegen das Trump-Politlogo “Make America Great Again” (MAGA) gemünzt: “Eine nationale Schande”. So etwas ist neu, oder jedenfalls in dieser Perspektive zum ersten Mal gesehen. Jemand muss für solche “billboards” bezahlt haben. Jemand muss dafür Geld gefunden haben. Jemand musste bereit sein, Geld zu spenden. In Harrisburg treffen wir auf ein älteres Ehepaar aus Kansas, ebenfalls en route. Wir reden über die Fussballweltmeisterschaft, sie schwärmen von der überwältigenden Stimmung in der Stadt Lawrence, wo die Nationalmannschaft aus Algerien stationiert war und sich  der Enthusiasmus für das College Football Team der Jayhawks nahtlos auf die Gäste aus Afrika übertragen hatte, mit Strassenparties, Schlachtgesängen und dem ganzen Rest. Als wir die Rede auf Trumps Intervention zur regelwidrigen Begnadigung des US-Spielers Balogun bringen, unterbricht die Frau: “Trump – nobody likes him”.

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Bei Somerset PA biegen wir rechts ab Richtung Shanksville. Ein paar Kilometer hinter dem Ort ist die Absturzstelle von United Airlnes Flight 93. Das war das vierte amerikanische Flugzeug, das am 11. September 2001 von islamistischen Kriminellen der Al-Kaida-Organisation entführt und in New York City in die Twin-Tower-Wolkenkratzer und in Washington, D.C. ins US-Verteidigungsministerium gesteuert wurden. Flight 93 war mit derselben Absicht  auf dem Weg nach Washington. Weil der Abflug verspätet war, wussten die Passagiere an Bord bereits, was in New York geschehen war. Sie waren durch die damals üblichen “Airphones”  mit der Notrufzentrale 911 und mit Familienangehörigen verbunden, einige hatten bereits Mobiltelefone. Beim Versuch der Passagiere, die Verbrecher zu überwältigen, stürzte das Flugzeug ab und raste bei Shankville kopfüber mit 900 Stundenkilometern in den Boden. 40 Personen und vier Attentäter kamen ums Leben. Ein Flight 93 National Memorial erinnert an das Ereignis.

Die Stelle heisst Memorial Plaza. Entlang der Absturzschneise führt ein simpler Pfad durch die Wiese. Das Areal mit den Überresten ist durch ein Steinmäuerchen abgetrennt, zu sehen ist nichts als Gras und ein grosser Findling. Am Ende des Pfads stehen 40 hohe Marmorplatten mit den Namen der Opfer. Sonst nichts. Sechs Schautafeln am Eingang beschreiben das Geschehen am 11. September 2001, eine US-Fahne am Eingang ist das einzige nationale Symbol.

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Ganz genau weiss niemand, was an Bord von Flugh 93 geschehen ist, nachdem die Entführer ins Cockpit vorgedrungen waren und das Steuer übernommen hatten. Aber zehn Passagiere führten bis zum 37 Telefongespräche, die registriert und aufgezeichnet sind. Passagier Tom Burnett sagte seiner Frau “Keine Bange, wir tun etwas” – “we’re going to do something”. Passagier Jeremy Glick teilte  seiner Frau mit, die Passagiere hätten darüber abgestimmt. Passagier Todd Beamer, der seine Frau nicht erreichte, sagte einer Telefonistin in der Zentrale, er und einige andere Passiegere seien bereit zur Tat. Die Telefonistin betete mit Beamer und mithörenden Passagieren das Unservater und den 23. Psalm. Dann hörte sie Beamer’s letzte Worte: “Are you ready?Okay, let’s roll”.

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Am Eingang beantwortet eine ältere Ranger-Dame  Fragen. Passagier Jeremy Glick (“ black belt”) habe seine Frau um Erlaubnis gebeten, bei der Aktion mitzumachen, sagt sie. Dass die Passagiere ins verschlossene Cockpit vordrangen, sei unwahrscheinlich: “Sie hatten nur fünf Minuten Zeit”. Um die Angreifer aus dem Gleichgewicht zu bringen, hätten die Piloten den Flieger von links nach rechts und oben nach unten geschaukelt.

Die Frau spricht freundlich, ohne Pathos. Das Wort “hero” – im Land der Helden allgegenwärtig– fällt nie. In den vergangenen Monaten war oft zu lesen, dass die Regierung in Washington dem “National Park Service” vorschreibt, wie die nationalen Monumente zu beschriften seien und wie nicht. Der Akzent liegt auf Heldentum, Traditionszauber und nationaler Überhöhung. Make America Great Again.

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Die Erinnerung an Flight 93 ist mittlerweile kontaminiert. Im Hinblick auf Donald Trump’s erste Wahl 2016 publizierte der Black-Rock-Manager Michael Anton (“Publius Decimus Mus”) einen “Flight 93 Essay”. Darin setzte er den Wahlentscheid zwischen Trump und Hillary Clinton mit der Situation der Entführten in der Flugzeugkabine gleich. Wie dort sei es höchste Zeit, “etwas zu tun” und dem unweigerlichen Absturz in die Verderbnis zuvorzukommen. Der Essay wurde von den rechten Talk-Radiostationen weit verbreitet und hatte grosse Zugkraft.

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Das “Visitor Center” haben wir diesmal nicht besucht. Vielleicht sind dort die in Washington verordneten patriotischen Retuschen angebracht, vielleicht sogar ein Verweis auf den “Flight 93 Essay”. Aber auf der Memorial Plaza sind sie es nicht. Dort zeigt sich, dass Grösse ohne Trompetengold und verbalen Zinnober auskommt.

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We’re going to do something” – “wir tun etwas”. Die Burnetts, Glicks und Beamers, die sich am 11. September 2001 gewehrt haben, zeigten Grösse. Sie waren great. Das Memorial Plaza ist great.