Da war ich schon. Chimney Rock, ein Weiler in einem engen Tal am Fuss der Blue Ridge Mountains, war im Herbst 2024 vom Hurrikan “Helene” bös verwüstet worden, eine Flutwelle hatte einen Grossteil der Häuser zerstört, und im Sommer darauf wollte ich sehen, wie es um den Wiederaufbau stand. Freunde hatten erklärt, mit der staatlichen Unterstützung sei es nicht weit her, und sie hatten recht. In der Ruine des “Smokehouse” traf ich den Koch Anthony beim Schreinern. Er sagte, weder vom Gliedstaat North Carolina noch von der Katastrophenhilfe des Bundes sei viel gekommen. Die einzige Hilfe die Amish. Das ist eine Wiedertäufersekte, die bei Naturkatastrophen regelmässig Hand anlegt. Ein ganzer Bus von ihnen sei gekommen, sagte Anthony damals, und einen Monat geblieben. Chimney Rock war im Sommer 2025 noch immer Sperrgebiet, die Strassen nicht repariert.

Ende September dieses Jahres steht das «Smokehouse» in alter Glorie da. Die Terrasse ist gut besetzt, innen an der Bar serviert Morgan, Anthony’s Ehefrau. Sie sagt, viele Opfer lebten immer noch in Provisorien, manche Hausbesitzer müssten sich mit Banken und Versicherungen herumschlagen: “Der Typ auf der anderen Strassenseite zahlt immer noch Hypothekarzinsen, obwohl sein Haus weggeschwemmt ist”. Es habe Hilfe gegeben, jedoch vor allem in Form von Geldern an Gemeinden oder für Infrastrukturreparationen. Die Einzelpersonen seien auf sich allein angewiesen. “Das Smokehouse haben wir zu viert wieder aufgebaut, der Eigentümer, sein Freund, Anthony und ich”. Die Amish? “Die sind immer noch dabei. Sie kommen jedes Wochenende”. Erwartet Morgan mehr Unterstützung vom Staat? Wird der Ausgang der midterm-Wahlen etwas ändern? “Schön wär’s”.

Dass ich nochmals nach Chimney Rock fuhr, liegt an Jamie Ager. Er ist der demokratische Kongresskandidat für den benachbarten Kongressdistrikt 11. Chimney Rock gehört nicht dazu, aber Distrikt 11 ist von “Helene” gleichermassen betroffen. Jamie Ager macht die Bundeshilfe zu einem zentralen Wahlthema. “Auch nach zwei Jahren sind nur 15 Prozent der versprochenen Gelder angekommen”, sagte er beim meet and greet in der Dry Falls Brauerei in Hendersonville. ”Es gibt immer noch Leute, die irgendwo auf einer Couch schlafen müssen”. Das werde sich ändern, wenn er im Kongress in Washington sitze. We need a fighter. Das sagen alle. Aber Jamie Ager hat gute Chancen, gewählt zu werden, obwohl das westliche South Carolina tief “rot”, also in republikanischer Hand ist. Distrikt 11 gilt bei den politischen Buchmachern als toss up – ein Fall, der am Wahltag nach beiden Seiten kippen kann. Das liegt auch am Gegner. Der bisherige Kongressmann, ein Republikaner, gab im August nach much prayer and reflection das Rennen auf, nachdem das Repräsentantenhaus ihn mit 413 zu 2 Stimmen wegen sexuellen Fehlverhaltens gegenüber zwei Mitarbeiterinnen ermahnt hatte. Die aus dem Hut gezauberte Ersatzkandidatin ist auch aus der Gegend, auch für mehr Helene-Hilfe, auch für die Unterstützung der Bauern, die unter den hohen Dieselpreisen leiden. Aber sie ist erstens nirgendwo greifbar (kein meet and greet in Sichtweite) und kommt zweitens als Abklatsch daher. Jamie Ager ist das Original: Ein untersetzter, 49jähriger Bauer, Rindfleischproduzent von grass-fed beef mit besonderem Gewicht auf “Gemeinschaft, Bodengesundheit und humaner Viehhaltung” (Webseite). College-ausgebildet, aber nach dem Abschluss zurück auf den Hof, der seit vier Generationen in der Familie ist. Mit derselben Frau verheiratet, Vater von drei Söhnen. Beim Auftritt in der Brauerei trägt Jamie Ager ein kariertes Hemd, vernünftige Schuhe, solide Hosen und eine Kappe mit dem Logo einer Viehhüterfirma – ieder Zoll der Landmann. Er ist jovial, geht auf alle zu, hat für jeden ein Wort, versprüht Energie. Jamie Ager scheint ein Mann, der beständig guter Laune ist. Ein good old boy. Sein stump speech konzentriert sich neben Hurrikan Helene auf die hohen Lebenskosten und die Korruption in der Hauptstadt: “Der District of Columbia ist eine wirkt wie ein Münzautomat”, sagt er. “In Washington steigt die Korruption, und Amerika verliert”. Es sei zu viel Geld in der Politik. Die Schlussstrophe des Wahlkampflieds war eine Ode an die Heimat: “Ich kandidiere, weil ich in das westliche South Carolina verliebt bin. Ich lebe in der schönsten Gegend der Welt”.

Gut zu wissen: Bis zur Schlussphase des Wahlkampfs hatte Ager mehr Spendengeld in der Kasse als seine Gegnerin, was sich – abgerechnet wird am Schluss – noch ändern kann. Republikanische TV-Werbung attackiert Ager, er habe Geld von Hedge Funds und millionenschweren “liberalen” Geldgeber erhalten, “sogar von Kaliforniern, die sich in South Carolina einmischen”.

Das meet and greet in der Dry Falls Brauerei fand im hinteren Raum statt. Etwa fünfzig Interessierte hatten sich eingefunden, alle erhielten von der Kampagne ein Glas Bier spendiert (mein Coupon ging – «Ethik» – an den Barnachbar). Vorne lief ein Bar-Quiz, das nahezu denselben Zulauf hatte. Eine Fragerunde gab es nach dem stump speech nicht, aber der Kandidat blieb eine ganze Weile unter den Gästen.
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Erwähnenswert: Der Name «Donald Trump» wurde von Jamie Ager nie in den Mund genommen.