Das Shenandoah Valley lag diesmal nicht an der Reiseroute, aber Tim hatte es dringlich empfohlen: “Du musst nach Harrisonburg, das ist einer der faszinierenden Orte Amerikas”. Im Shenandoah Valley? Das ist das grosse Tal, welches grob gesagt das Mittelstück des Appalachengebirges der Länge nach durchtrennt. Ländlich, bäuerlich, bekannt für sehr viel Natur, Naturschönheit, die Sprache der schwer verdauliche twang von Virginia und West Virginia. Ein amerikanisches Wallis. Überaus christlich. Unter den ersten europäischen Siedlern waren zahlreiche Deutsche und Schweizer, viele von ihnen Täufer. Es gibt Schweizer Familiennamen.

Beim Lunch in “La Morena” geben Tim und sein Kollege Jason eine kurze Einführung zu Harrisonburg: Rund 50 000 Einwohner, eine starke Gemeinde von Mennoniten, sehr viele Latinos. Das habe einen Zusammenhang. Kirchliche Organisationen schreiben “Flüchtlingsarbeit” gross in Harrisonburg. “New Bridges” der Mennoniten und der “Church World Service” helfen Neuankömmlingen, sich zurechtzufinden. Seit 1990 ist der Anteil der weissen Stadtbevölkerung von 90 auf 60 Prozent zurückgegangen und jener der Latinos von 1,5 auf 23 Prozent gestiegen. Nahezu das gesamte Wachstum der Stadtbevölkerung, rund 13000 Menschen, entfiel auf diese Gruppe. Der Unterschied zeigt sich in der Restaurantszene, “La Morena” ist bei weitem nicht die einzige mexikanische Gaststätte. Und Latinos sind nicht die einzigen Nicht-Englischsprachigen in Harrisonburg. Die “frequently asked questions” der Schul-Homepage sind neben Englisch auch in Spanisch, Arabisch, Kurdisch, Russisch, Suaheli und Tigryia abgefasst. Jason sagt, seine Tochter habe an der Schule zweisprachig unterrichtet werden können, spanisch-englisch, die Mathematik bis zur 6. Klasse auf Spanisch.

Die Mennoniten. Das sind Anabaptisten – Täufer, die die christliche Taufe erst vornehmen, wenn einer selber darüber entscheiden kann, also als erwachsen gilt. Ein Gewächs der Reformation, das bald einmal als religiöses Unkraut verfolgt und vertrieben wurde, die reformierte Schweiz mit an vorderster Front. Mennoniten sind auf Distanz zur Welt und zum Staat, die einen mehr, die anderen weniger. Sie sind Pazifisten. Manche haben eigene Schulen.

Die Eastern Mennonite University in Harrisonburg hat ein peacebuilding-Programm im Angebot. Um mehr zu erfahren, besuche ich das “Brethren and Mennonite Heritage Center” am Stadtrand und habe Glück. Sam Funkhouser, Ex-Direktor der Anlage und Princeton-geschulter Theologe, hat Dienst und ist gesprächig. Er gibt einen kurzen Abriss des vielfältig verästelten Täufertums: Auf der einen Seite die “plain groups”. Der “mainstream”, der mehr oder weniger seinen Frieden mit dem Staat gemacht hat, die öffentlichen Schulen besucht und sich äusserlich nicht vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Auf der anderen Seite die Strikteren, die den Unterschied zur “Welt” deutlicher markieren. Sie sind in unterschiedlicher Gradierung technik-avers, staatsfremd, anti-modern. “old order” Mennoniten befolgen altmodische Kleidervorschriften, die Frauen in Rock und Haube, die Männer in Hosenträgerhosen und Bauernhemden, sie verpönen Musikinstrumente in der Kirche und sie üben Kirchenzucht: Wer die Gebote der – rein männlichen – Gemeindeführer nicht befolgt, fliegt raus. In Harrisonburg gebe es 15 verschiedene Schattierungen von Mennoniten, sagt Sam. Drei von vier old order Gruppen lehnen das Automobil ab und fahren im Pferdewagen.

Sam ist klar “old order”, Hosenträgerhosen, Karohemd und Bart ohne Schnauz. Der Bart signalisiere die Taufe und könne nicht mehr abgenommen werden, erklärt er. Der Schnauz gehöre nicht dazu, weil er in alten Zeiten das Merkmal der Soldaten gewesen sei. Sam geht nicht wählen, und er legt den patriotischen Eid pledge of allegiance, der jedem amerikanischen Schulkind aufgezwungen wird, nicht ab. Er arbeitet auf einer Farm und als Buschauffeur. Er fährt Auto und spielt Euphonium in einer Brass Band. Er nennt seine Old Order Gemeinde “progressiv”.

Warum ist ein Princeton-Absolvent “old order”? Sam sagt, das sei ein bewusster Entscheid gewesen. Er sei in einer “mainstream”-Familie aufgewachsen, die ihm zu militant und rechthaberisch gewesen sei. Zu sehr darauf bedacht, anderen die rechte Denkart aufzuzwingen. Deshalb habe er sich einer “old order” Gruppe zugewandt. Dort lehne man es ab, über andere zu richten. Ein politisches Motiv? Eine Reaktion auf die Forderungen der trumpistischen Ideologen, welche die Vereinigten Staaten als “christliche” Nation festschreiben wollen? Sam sagt Nein: Sein Entscheid sei “theologisch” begründet. Aber er sagt auch: ”Als wir in einer christlichen Nation lebten, wurden wir verfolgt”. Die politischen Vorstellungen von rechts und links ausgelegten Christen seien beide “eine Perversion des Christentums”. Rechts the war thing, die Bereitschaft, Krieg zu führen. Links die Auflösung von Ehe und Familie. Wer das Neue Testament korrekt lese, müsse die Ehescheidung ablehnen, meint Sam. Trennung ja, aber Scheidung gehe nicht. Und Schwule? Schwulenehe? “Wenn ein Mitglied unserer Gemeinde in einer homosexuellen Beziehung lebt, kann er nicht bleiben, aber wir zwingen diese Ansicht niemandem auf”. Gibt es Schwule in seiner Gemeinde? Sam weicht aus: “Wir haben einige, die als Single leben”.
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Sam Funkhouser ist ein amerikanischer Aussenseiter. Aber ist er ein unbedeutender Einzelfall? Oder ein Beleg für etwas, das sich in der Gesellschaft rührt? Zu Beginn des Jahrhunderts habe es in Amerika noch etwa 6000 Mennoniten gegeben, sagt er. Heute seien es 400 000. In Harrisonburg sei der “akkulturierte” Mainstream im Niedergang, währen Old Order sich alle zwanzig Jahre verdopple.