An den historischen Palästen interessiert weniger, was gezeigt wird, als wie es gezeigt wird. Was gezeigt wird,  Hausrat, Ausrüstungen, allerhand andere Überbleibsell, ist mehr oder weniger Touristenfutter. Die Würze liegt in der Präsentation. In ihr spiegelt sich das Heute im Gestern.

Deshalb der Abstecher nach Monticello/Virginia. Der Wohnsitz von Thomas Jefferson in den Hügeln am Fuss der Appalachen ist eine Pilgerstätte Amerikas, UNESCO-Welterbe, schon zu Lebzeiten Ziel zahlreicher Besucher. So etwas wie das Mar-a-Lago seiner Zeit. Jefferson (1743-1826) war Pflanzer mit Sklavenbesitz, Autor des Entwurfs zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, amerikanischer Botschafter im revolutionären Frankreich und der dritte Präsident der Vereinigten Staaten. Ein founding father. Entsprechend der Andrang auf dem Heiligen Hügel ausserhalb von Charlottesville. Rüstige Rentner haben sich eingefunden, Familien mit enormen Kinderwagen, mehrere Schulklassen. Die WC-Anlage im Visitor Center ist von Halbwüchsigen belagert.

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Ein Film singt das hohe Lied des grossen Mannes. Jeffersons unerhörte Sätze aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung werden zitiert: We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. Alle Menschen sind gleich. Mit unaufhhebbaren Rechten ausgestattet. Leben, Freiheit und “das Streben nach Glück”. Geschrieben 1776, achtundzwanzig Jahre vor Schillers Tell, und nicht einer Sage aus einem fernen Land entsprungen, sondern der politischen Realität einer aufgekündigten Kolonialherrschaft. Der Film preist Jeffersons Weitsicht, die lange Bahn seiner Worte in die Zukunft. Die Frauenrechte. Gandhi. Martin Luther King. Obama.

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Das Gebäude wird im Format der geführten Gruppe besichtigt, eng getaktet. Man sieht indianische Artefakten, alte Landkarten, eine Wanduhr, die Bibliothek, das kurze, zwischen zwei Wände geklemmte Bett (Jefferson schlief mit aufgerichtetem Oberkörper.

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Wir erfahren, dass Jeffersons Frau nach nur zehn Ehejahren verstarb. Eine Dame in unserer Gruppe will wissen, ob er sich wieder verheiratet habe. Nein, sagt die Führerin, seine Frau habe das nicht gewollt. Ende der Durchsage. Die logische Fortführung wäre jetzt ein Wort über Sally Hemmings gewesen. Das war die Sklavin, die der Witwer im Alter von 14 Jahren schwängerte, und mit der er sehr wahrscheinlich vier Kinder gezeugt hatte, vielleicht auch sechs. Da war was.

 

Wir erfahren, dass Jefferson so hoch verschuldet war, dass seine Nachfahren  das Haus Monticello verkaufen mussten. Im Keller steht auf Schautafeln, dass auch 160 Sklaven  verkauft wurden. Dabei wurden Familien getrennt, fertig lustig mit ihrem  “Streben nach Glück”. Warum die Schulden so hoch waren, will einer aus der Gruppe wissen. Der Mann habe auf grösserem Fuss gelebt, als seine Schuhgrösse erlaubte, sagt die Führerin. Alles auf Pump. Wir lachen: So macht man es bis heute. Jefferson war ein echter Amerikaner.

Vor dem Haus steht ein fake Jefferson in Epochenmontur. Man darf ihm Fragen stellen, er antwortet im Tonfall der Zeit, die Antworten sind mit Bestimmtheit vorbedacht und eingeübt.

  • Herr Jefferson, wie konnten sie “alle Menschen gleich geschaffen” damit vereinbaren, dass Sie in diesem Palast und ihre Sklaven unten in den Hütten wohnten?
  • Ich lebte in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext. Meine Nachbarn wollten die Sklaverei. Hätte ich meine Sklaven freigelassen, wären sie nicht einmal nach Charlottesville gekommen. Ich habe die Sklaverei nie gutgeheissen, aber was kannst du in dieser Lage tun? Du musst dich für eine Veränderung einsetzen.

Naja. Jeffersons Haltung zur Sklaverei ist zweideutig. Auf der theoretischen Ebene, in den luftigen Gefilden der Aufklärungsphilosophie lehnte er die Sklaverei ab. Im Alltag hatte er keine Probleme damit. Im Lauf seines Lebens besass er über 600 Sklaven. Die Vorstellung der “Gleichheit” von schwarzer und nicht-schwarzer Bevölkerung war ihm fremd, er war von der Minderwertigkeit der Schwarzen überzeugt. Später hiess das “Untermenschen”. Politisch sprach er sich für eine schrittweise “Emanzipation” aus (gegen Entschädigung der Sklavenbesitzer), die Freigelassenen sollten nach Afrika geschickt werden. Im Jargon von heute “Repatriierung”.

Sally Hemmings kommt auch vor in Monticello. Aber im Keller. DNA-Tests haben die leibliche Verwandtschaft zwischen den Hemmings-Nachfahren und Jefferson belegt. Die vier überlebenden Kinder aus der Beziehung wurden als Sklaven geboren, aber nicht für immer. Als die vierzehnjährige Sally 1787 in Paris eintraf, hatte sie Aussicht auf Freiheit: das französische Revolutionsregime schaffte die Sklaverei ab. Sally stand vor dem Entscheid, mit Jefferson in die amerikanische Sklaverei zurückzugehen oder in Frankreich zu bleiben. Sie entschied sich für Amerika, aber gegen ein Zugeständnis: Jefferson musste versprechen, dass sie in Monticello nur leichte Arbeiten zu verrichten hatte, und dass er ihre  Kinder freiliess, wenn sie das Erwachsenenalter erreichten. Das geschah so.

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Apropos Weitsicht: Was ist die Weitsicht von Thomas Jeffersons “unauffhebbaren Rechten” gegen die Weitsicht von Sally Hemmings?