“Idioten”, sagt Mike über seine Nachbarn. “Wenn ich sie auf die Korruption anspreche, sagen sie ‘welche Korruption?’. Die lesen nichts. Die schauen Fox News”. Mike, um die sechzig, liest die New York Times. Und “The Bulwark” und “letters from an American” auf der Plattform Substack. Dort wird die enorme Bereicherung nachgezeichnet, welcher sich die Familien der Trump-Kabinettsmitglieder seit dem zweiten Machtantritt des Caudillo in Washington erfreuen. Die Trumps “machten” im vergangenen Jahr 2 Milliarden Dollar, der Grossteil davon aus kurz vor der Wahl lancierten Krypto-Quasigeld-Produkten, die Trump und seinen Söhnen 1,4 Milliarden Dollar Gewinn und den Dummen, die darin investierten über das Doppelte an Verlust eintrugen. Ein zweiter Fall ist der Handelsminister Lutnick. Seine Söhne, nominell am Ruder seiner Finanzfirma Cantor Fitzgerald, schlossen zusammen mit den Trump-Söhnen einen Handel über den Abbau von Tungsten in Kasachstan, während die Väter mit dem kasachischen Präsidenten über eine Senkung der US-Zölle “verhandelten”. Laut New York Times setzte sich der US-Präsident direkt und persönlich für das Tungsten-Geschäft ein. “Die Söhne machten Geschäfte mit Partnern in einem Handel, den ihre Väter aushandelten – die Fortsetzung eines Musters der Selbstbereicherung in der zweiten Trump-Administration, das in der amerikanischen Geschichte wenig Präzedenzen hat”, schrieb das Blatt. Mike ist entsetzt. Er lebt als “blaue” Minderheit (Anhänger der Demokraten) in einer “roten” (Republikaner) Nachbarschaft. Den Verkehr mit seinen Nachbarn beschränkt er auf das Nötige und gerät “nur selten” in eine Auseinandersetzung. “Früher hiess es “du hast deine Ansicht, ich habe meine”, aber damit bin ich fertig. Ich habe es satt”. I can’t take it any more.

Wir sitzen in der Second Euhaw Baptist Church in Ridgeland, South Carolina und warten auf Annie Andrews. Das ist die Senats-Kandidatin der Demokratischen Partei und eine von wenigen, die ihre Kampagnenauftritte dem allgemeinen Publikum macht. Gewöhnlich finden sich an den öffentlichen Adressen keinerlei Informationen. Die Webseiten enthalten keine Angaben, Telefonanrufe oder E-Mails werden nicht beantwortet und der Besuch in den Wahlkampfbüros ist vergebens. In Savannah/Georgia wollte ich erfahren, ob der demokratische Senator Jon Ossof, eine neue Liebschaft der Trump-Gegner, irgendwo allgemein zugänglich auftrete. Die örtliche Geschäftsstelle verwies mich an ein “Koordinationsbüro” draussen im Lauch, wo ein freundlicher junger Mann eröffnete, man habe hier keine Ahnung. Er empfahl die Webseite. Annie Andrews ist anders. Ihre Webseite listet events, zu denen sich Uneingeweihte einschreiben kann. Einmal eingeschrieben, erhält man kurz vor dem Termin den Ort zugemailt. So viel Vorsicht ist am Platz, es wimmelt von bewaffneten Verrückten, ein Anschlag wird nicht ausgeschlossen.
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Frau Andrews 45 Jahre alt, geschieden, Mutter von drei Kindern, ist Kinderärztin. Deshalb tritt sie politisch immer als “Dr. Annie Andrews” auf. Ihre Gegner mögen das nicht, in den rechtsgerichteten Radio-Talkshows, heisst es, sie sei keine richtige Ärztin, weil sie keine Patienten sehe. Das ist vielleicht ein bisschen wahr und wahrscheinlich sehr irreführend. Annie Andrews war bis vor drei Jahren Spitalärztin in einem Kinderspital in Charleston. Sie gab den Job auf, als sie in die Politik eingestiegen war und arbeitet heute Teilzeit im Kinderspital von Washington, D.C. 1922 kandidierte Andrews erfolglos für das Repräsentantenhaus.
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Ihre Gegnerin ist Darline Graham, ein unbeschriebenes Blatt, als Ersatz für ihren Bruder, den im Juli plötzlich verstorbenen Senator Lindsey Graham, in den Senat geschickt. Jetzt steht das Mandat zur Wiederwahl. Darline wurde von Trump empfohlen, kegelte im Vorwahlkampf einen republikanischen Gegner raus und ist nun im Wahlkampf die Bisherige. Vor dem unverhofften Einsitz in den Senat versah sie nie ein politisches Amt. Sie arbeitete in der Behindertenfürsorge. In einer TV-Debatte mit ihrem republikanischen Vorwahlgegner hatte sie keine Antwort auf die Frage, ob die Sicherheit Taiwans eine “Frage der nationalen Sicherheit” der USA sei: “Ich weiss nicht so viel über nationale Sicherheit, aber ich unterstütze das Militär”. Wer sich auf ihrer Website um campaign updates bemüht, wird als fellow patriot um Geld angebettelt. Man sei im Rückstand, heisst es dort. “Hollywood steht hinter Annie Andrews, weil sie wissen, dass sie mit ihren kalifornischen Werten übereinstimmt und nicht mit dem, was wir hier in South Carolina hochhalten”. Grahams Fernsehwerbung dreht sich um Heimat, die republikanischen Klassiker Abtreibung, Schwule, Trans-Personen im Frauensport (der Heuler der Saison), sparsamen Umgang mit Steuergeld (unter Trump stieg die US-Staatsverschuldung von rund 28 auf rund 48 Billionen Dollar), und um die Angst vor einer Kongressmehrheit der “radikalen”, “kommunistischen” Demokraten.

Beim meet and greet in der Baptistenkirche ist Annie Andrews aus anderem Holz geschnitzt. Sie sei aufgrund ihrer Erfahrungen im Kinderspital in die Politik eingestiegen, erzählt sie den etwa 50 Zuhörern. Die angeschossenen Kinder im Notfall, die bangen Eltern, die das Insulin für das zuckerkranke Kind nicht leisten können, der Ärger mit den Versicherungen. Sie habe erkannt, dass “die Politik der beste Weg ist, um die Probleme der Eltern meiner Kindern zu lösen”. Gesundheitsversorgung sei “ein Menschenrecht”, Medicare, die staatliche Alterskrankenkasse “nicht ein Sozialprogramm, sondern ein Versprechen”. Im Frage/Antwort-Segment geht es vor allem um Gesundheit und Medizin. Das überteuerte Gesundheitswesen der Vereinigten Staaten kostet pro Kopf der Bevölkerung doppelt so viel kostet wie der Durchschnitt der OECE-Staaten, und binnen kurzem treten die von Trumps big beautiful bill verordneten Kürzungen der Bundeszuschüsse für das Medicaid-Sozialprogramm in Kraft, das Gliedstaaten ermöglicht, subventionierte Krankenversicherungen für Arme einzurichten. “Die Wurzel unseres verrotteten Systems ist, dass es profitorientiert ist. Es sollte Patienten-orientiert sein”. Andrews spricht von einem Kostendach für Insulin, von Preisverhandlungen mit Medikamentenherstellern, vom mangelhaften Zustand der Spitäler für die Militärveteranen. Als ein Schwarzer mit volltönendem Bass und gemessener Diktion seine Frage stellt, sagt sie: “ich glaubte schon, das sei die Stimme Gottes” – ein seltener humoristischer Moment in einem Wahlkampf, der vor allem verbissen und gehässig geführt wird.
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Zum Schluss fragt Mike, was die Demokraten unternehmen werden, wenn sie die Kongressmehrheit gewinnen sollten. Wieviel “Rechenschaft” wird es geben? Werden die korrupten Mitglieder der Trump-Administration vorgeführt oder amtsenthoben? Die Frage treibt viele um. Parteigänger der Republikaner sagen voraus, dass ein demokratischer Kongress das Land erneut in einen Strudel von Anklagen und impeachments stürzen werde, wie zuvor geschehen. Manche Demokraten wollen das. “Die Gauner müssen bezahlen”, sagt mein Freund P. ein diehard-Demokrat. “Nicht so wie 1975, als Nixon amnestiert wurde”. Annie Andrews gibt sich bedeckt: “Meine Priorität ist die Gesundheitsversorgung. Als erstes müssen wir die Medicaid-Kürzungen rückgängig machen. Ich werde meine Zeit nicht auf Amtsenthebungsverfahren verwenden. Wir müssen nach vorwärtsblicken”.
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“Wir werden gewinnen”, sagt Annie Andrews in der Kirche in Ridgeland. Die Umfragen geben ihr Recht. Lindsay Graham, der verstorbene Senator, wäre der haushohe Favorit gewesen, aber seine Schwester ist es nicht. Laut Umfragen ist das normalerweise “rote” South Carolina noch unentschlossen. Warum, zeigt sich in einer TV-Kandidatinnendebatte am 11. Oktober. Wie üblich, scheren sich die Befragten keinen Deut um die Fragen. Sie pauken ihre Botschaft ins Mikrophon. Frau Graham haut immer auf denselben Nagel: Frau Andrews ist “die radikalste Kandidatin je”, sie will Staatskrankenkasse für alle, sie wird die Schulden in die Höhe treiben, sie wird dabei sein, wenn die Demokraten die staatlichen Vorschriften noch fester zurren und die Öl- und Gasförderung beschränken, und sie ist eine verkappte Grüne, die von Jane Fondas Klimafonds unterstützt wird. Bei der Sache mit den Männern im Frauensport kommt sie einen Schritt zu spät, weil das Ende der Sendung erreicht ist. Frau Andrews baut auf ihre Kompetenz als Ärztin, verweist auf die politischen Pläne auf der Webseite, nennt Frau Graham unqualifiziert, und geht auf Distanz zur grünen Verdächtigung. Gefragt, wie Amerikas Energieengpässe zu meistern seien, kommt sie mit einem blutleeren Verweis auf Wind und Solar. Und einem beherzten Ja zur Nuklearenergie. South Carolina gehört eben zu den grossen Atom-Gliedstaaten der USA.